Kultur 4 Min. Lesezeit Von Lukas Seifert
„Black Myth: Zhong Kui“ setzt auf Charme statt Spektakel
Game Science zeigt erste Gameplay-Szenen zu „Black Myth: Zhong Kui“. Der Nachfolger von „Black Myth: Wukong“ wirkt bodenständiger und erzählerischer – und genau das könnte seine Stärke werden.
Der erste Gameplay-Trailer zu „Black Myth: Zhong Kui“ hat viele Fans überrascht: Statt epischer Schlachten gegen riesige Kreaturen zeigt der Nachfolger von „Black Myth: Wukong“ einen düsteren Wald, einen Dämonenjäger mit Pariermechanik und überraschend viele ruhige Momente. Der Protagonist angelt, baut ein Boot und musiziert mit einer Skelett-Band. Für ein Actionspiel wirkt das ungewöhnlich – doch genau dieser Wechsel könnte sich als Glücksgriff erweisen.
Der Spieleautor Tim Brinkhof, der alle Bosse von „Wukong“ besiegt hat, beschreibt in einer Analyse seine anfängliche Enttäuschung über den Trailer. Wo der Vorgänger mit sonnenüberfluteten Wüsten, hoch aufragenden Pagoden und schwindelerregender Umgebungsvielfalt beeindruckte, spielt sich „Zhong Kui“ zunächst in einer grauen, fast markantenlosen Waldlandschaft ab. Der eine gezeigte Bosskampf gegen eine geflügelte Gestalt mit Schwert erreicht nicht die Spektakularität des Wolfsbosses Lingxuzi aus dem „Wukong“-Auftakt. Auch Verwandlungen, Wolkenritte oder Gegner in Wolkenkratzergröße fehlen bislang.
Doch der Eindruck täuscht möglicherweise. Der Trailer legt den Fokus bewusst auf Geschichte und Charakter statt auf reine Action. Diese Ausrichtung erinnert an das, was „Wukong“ letztlich besonders machte: die erzählerische Tiefe. Das Spiel fungierte nicht als direkte Adaption des klassischen Romans „Die Reise nach Westen“, sondern als Fortsetzung, die Themen wie Selbstfindung, Freiheit und Erleuchtung aufgreift. Spieler interpretierten die Figur als Symbol für Ausdauer und Authentizität, während einige Wissenschaftler darin sogar eine Metapher für kollektive Traumata der chinesischen Gesellschaft sahen.
Brinkhof argumentiert, dass gerade die emotionalen und nachdenklichen Momente die schwächeren Spielabschnitte von „Wukong“ erträglich machten. Der schlammige Kampf gegen den besessenen Pigsy in Kapitel vier etwa sei wegen seiner erzählerischen Einbettung in Erinnerung geblieben. Sollte „Zhong Kui“ diesen Kurs fortsetzen und noch stärker auf Story und Figuren setzen, könnte das Spiel erneut überraschen – auch wenn es weniger spektakulär wirkt.
Ob der Trailer das finale Spielerlebnis vollständig abbildet, bleibt offen. „Wukong“ befand sich über sechs Jahre in Entwicklung, und für „Zhong Kui“ steht noch kein Veröffentlichungsdatum fest. Game Science könnte die größten Überraschungen für später aufheben. Die bisherige Bilanz des Studios spricht jedoch dafür, dass die Trailer den tatsächlichen Inhalt ziemlich genau widerspiegeln. Die Vorfreude in der Community ist dennoch groß: Der Dämonenjäger Zhong Kui, in der chinesischen Folklore als „König der Geister“ bekannt, ist eine beliebte Figur, und die Grafik überzeugt erneut auf hohem Niveau.
Die Entscheidung, weniger auf epische Größe und mehr auf Charme und Intrigen zu setzen, könnte sich als mutiger und letztlich lohnender Schritt erweisen. Wer „Wukong“ wegen seiner Geschichte liebte, findet in „Zhong Kui“ womöglich genau das, was er sich gewünscht hat: ein Spiel, das nicht nur fordert, sondern auch berührt.



