Technologie 4 Min. Lesezeit Von Moritz Albrecht
2 Billionen Dollar für Anthropic? So entsteht die riesige Zahl
Anthropic bereitet tatsächlich einen Börsengang vor. Die Bewertung von 2 Billionen Dollar ist aber noch kein Preis, sondern eine Wette von Investoren auf das Wachstum von Claude.
Zwei Billionen Dollar klingen so groß, dass die Zahl fast wie ein Meme wirkt. Bei Anthropic steckt dahinter aber eine echte Börsengeschichte — nur etwas anders, als die kürzeste Schlagzeile vermuten lässt.
Der Entwickler von Claude hat am 1. Juni vertraulich einen Entwurf für das S-1-Börsendokument bei der US-Aufsicht SEC eingereicht. Das bedeutet: Anthropic bereitet einen möglichen IPO vor. Es bedeutet noch nicht, dass die Firma einen festen Termin oder einen Preis von 2 Billionen Dollar beschlossen hat. Aktienzahl und Ausgabepreis sind laut Anthropic offen.
Die 2 Billionen kommen von Investoren, die mit der Financial Times gesprochen haben. Mehrere Anteilseigner erwarten, dass Anthropic bei einem möglichen Börsengang im Oktober mindestens so hoch bewertet werden könnte. Das Unternehmen selbst hat nach Angaben der Zeitung noch keine endgültige Zielbewertung festgelegt.
Woher kommt der Optimismus? Vor allem von Claude als Geschäft. Im Mai sagte Anthropic, dass der Umsatz-Run-Rate über 47 Milliarden Dollar gestiegen sei. Ende 2025 waren es laut TechCrunch ungefähr 9 Milliarden Dollar. Das ist ein extrem schneller Sprung.
Run Rate klingt komplizierter, als es ist. Man nimmt das jüngste Umsatztempo und rechnet es auf ein ganzes Jahr hoch. Wenn ein Unternehmen gerade sehr schnell wächst, sieht man damit besser, wie groß es heute ungefähr ist. Aber es ist nicht dasselbe wie der Umsatz, der in den letzten zwölf Monaten tatsächlich auf dem Konto gelandet ist.
Die von der Financial Times befragten Investoren rechnen bis Ende 2026 mit 100 bis 120 Milliarden Dollar annualisiertem Umsatz. Anthropic hat diese Zahl nicht als offizielle Prognose veröffentlicht. Sie ist also eher die Erwartung der Leute, die schon Geld in die Firma gesteckt haben.
Dann kommt die noch wildere Rechnung. Ein Investor sagte sinngemäß: Wenn Anthropic ungefähr 800 Prozent pro Jahr wächst, könnte ein Multiple von rund 30 auf den Umsatz vertretbar sein. 100 Milliarden mal 30 ergeben 3 Billionen Dollar. Das ist die Quelle der nächsten riesigen Zahl — kein Preiszettel aus dem Anthropic-Büro.
Die letzte echte Bewertung aus einer Finanzierungsrunde liegt bei 965 Milliarden Dollar. Anthropic sammelte Ende Mai 65 Milliarden Dollar ein. Das Geld soll unter anderem in mehr Rechenleistung, neue Produkte, Partnerschaften und Forschung zur Sicherheit der Modelle fließen.
Warum braucht ein Softwareunternehmen so viel Kapital? Frontier-KI ist nicht einfach eine App, die einmal gebaut und dann fast kostenlos verteilt wird. Große Modelle brauchen enorme Rechenzentren, Chips und laufende Infrastruktur. Je mehr Menschen Claude nutzen, desto wichtiger wird die Frage, wie effizient die Firma diese Nachfrage bedienen kann.
Wenn Anthropic den Börsengang durchzieht, wird der öffentliche S-1-Prospekt die Story weniger meme-tauglich, aber viel interessanter machen. Dann gibt es mehr echte Zahlen zu Umsatz, Kosten und Risiken. Bis dahin gilt: 965 Milliarden sind bestätigt, 2 Billionen sind eine Investorenerwartung und 3 Billionen sind das besonders optimistische Rechenmodell eines Investors.



