Religion 7 Min. Lesezeit
Epiphanius sagt: Nicht jeder laute Glaubensrat verdient Vertrauen
Der ukrainische Metropolit verbindet kirchliche Einheit mit Christus und einer langen Tradition. Für junge Gläubige steckt darin auch eine Medienfrage: Wem gibt man spirituelle Autorität?
Metropolit Epiphanius von Kyjiw und der ganzen Ukraine hat in seiner Predigt zum zehnten Sonntag nach Pfingsten drei Dinge zusammengebracht, die gerade im digitalen Alltag erstaunlich aktuell wirken: Gemeinschaft, Vertrauen und die Frage, welchen Stimmen man folgt. Er rief dazu auf, an der Einheit der Kirche in Christus festzuhalten, auf die Väter und Lehrer der Kirche zu hören und Versuchungen zu meiden.
Der Satz klingt zunächst sehr traditionell. Doch er berührt ein Problem, das junge Menschen ständig erleben: Autorität entsteht heute extrem schnell. Ein Account kann über Nacht wachsen, ein Video kann millionenfach geteilt werden und jemand kann wie ein Experte wirken, ohne dass klar ist, wer seine Aussagen geprüft hat. Das betrifft Politik, Gesundheit und Geld — und genauso Religion.
Epiphanius setzt deshalb zuerst einen Gegenpunkt: Das Zentrum der Kirche soll nicht der populärste Mensch sein, sondern Christus. Ende Juni erklärte er beim Fest der Apostel Petrus und Paulus, dass die Kirche weder Petrus noch Paulus „gehöre“. Beide sind riesige Figuren der christlichen Geschichte, aber gerade ihre gemeinsame Verehrung zeige, dass keine Persönlichkeit das Zentrum ersetzen kann.
Das ist im Grunde eine Anti-Fandom-Regel für spirituelle Autorität. Man darf einen Lehrer schätzen, ohne ihn unfehlbar zu machen. Man kann einem Priester, Bischof oder Theologen zuhören, ohne jede Aussage automatisch zu übernehmen. Der Maßstab liegt außerhalb der Person.
Warum spricht Epiphanius dann ausgerechnet von den Vätern und Lehrern der Kirche? Weil Tradition im orthodoxen Verständnis wie ein Langzeittest funktioniert. Aussagen werden nicht nur danach beurteilt, ob sie heute emotional stark wirken. Man fragt auch, ob sie zu Schrift, Gottesdienst und dem überlieferten Glauben passen.
Im März hatte Epiphanius betont, dass orthodoxes Christsein mit wahrer kirchlicher Lehre, apostolischer Überlieferung und den Sakramenten verbunden ist. Das klingt weniger flexibel als die Logik sozialer Medien, in der jeder seinen eigenen Feed und damit fast seine eigene Wirklichkeit hat. Genau darin liegt aber der Punkt: Die Tradition soll verhindern, dass der Glaube komplett von Trends abhängt.
Dann kommt die dritte Kategorie — Versuchung. Das muss nicht nur etwas sein, das offensichtlich „verboten“ wirkt. Versuchung kann auch die Freude daran sein, jemanden öffentlich fertigzumachen, nur weil man sich im Recht fühlt. Sie kann die schnelle Gewissheit sein, dass die eigene Gruppe immer korrekt liegt. Oder die Faszination für eine Person, deren Clips so überzeugend wirken, dass man aufhört, Quellen und Kontext zu prüfen.
Im April sagte Epiphanius, die Kirche verbinde Gläubige geistlich miteinander und mit Christus; dadurch könne auch der persönliche Glaube wachsen. Gemeinschaft wird damit nicht als Kontrollsystem beschrieben, sondern als Raum, in dem Menschen sich gegenseitig tragen und korrigieren. Das setzt allerdings voraus, dass Kritik nicht automatisch als Angriff behandelt wird und Zugehörigkeit nicht bedeutet, den eigenen Kopf auszuschalten.
Für junge Menschen ist das besonders relevant, weil religiöse Identität heute oft nicht nur in Familie oder Gemeinde entsteht. Podcasts, Shorts, Livestreams und private Chats können genauso prägend sein. Das erweitert die Auswahl an Stimmen, aber es macht auch die Frage nach Kriterien dringender: Warum glaube ich dieser Person, und wer kann ihre Aussagen korrigieren?
Ein hilfreiches Signal ist die Haltung zur eigenen Autorität. Wer behauptet, allein den richtigen Zugang zu haben, alle anderen Lehrer pauschal abwertet oder jede Nachfrage als Illoyalität behandelt, passt schlecht zu dem Modell, das Epiphanius beschreibt. Dort bleibt selbst ein angesehener Lehrer Teil einer größeren Tradition und verweist auf Christus statt auf sich selbst.
Der Kalenderkontext passt dazu. Pfingsten wurde 2026 am 31. Mai gefeiert und gilt als Geburtstag der neutestamentlichen Kirche. Der zehnte Sonntag danach fiel auf den 9. August. Am Anfang steht also eine Gemeinschaft, die entsteht; einige Wochen später lautet die Frage, wie sie zusammenbleibt.
Für junge Leser in Deutschland gibt es zusätzlich einen realen Bezug. Epiphanius war im Juni in Berlin, nahm an einer öffentlichen Diskussion über Glaube, Krieg und Verantwortung teil und traf den Beauftragten der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Ukrainische Kirchenfragen sind damit auch Teil der europäischen Debatte geworden — besonders dort, wo viele Menschen aus der Ukraine leben.
Die neue Predigt ist aber kein politisches Statement. Sie liefert eher ein Set von Filtern für religiöse Information. Wer steht wirklich im Zentrum? Ist eine Aussage nur neu und aufregend oder hat sie eine nachvollziehbare Tradition? Macht ein Inhalt klarer und verantwortlicher — oder nur wütender und abhängiger?
Man muss nicht orthodox sein, um die Medienlogik dahinter zu verstehen. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit ständig umkämpft ist, ist „Hör auf bewährte Lehrer“ nicht automatisch ein nostalgischer Satz. Es kann auch heißen: Gib deine Autorität nicht dem ersten Menschen, der überzeugend in die Kamera spricht.
Epiphanius’ drei Punkte lassen sich deshalb ziemlich modern lesen. Gemeinschaft ohne Personenkult. Tradition ohne Stillstand. Und Wachsamkeit gegenüber Impulsen, die sich gut anfühlen, aber Beziehungen und Urteilskraft zerstören. Für eine religiöse Predigt ist das überraschend nah an der Frage, wie man heute überhaupt vernünftig durch einen Feed kommt.
