Eine neue Reportage des ZDF widmet sich der Frage, wie Deutschland nach Jahren der Polarisierung wieder zusammenfinden kann. In dem Film «37°: Zwischen uns die Wahrheit» begleitet Max Damm Menschen, deren Familien und Freundschaften an unterschiedlichen Deutungen der Wirklichkeit zerbrochen sind. Der 37-jährige Autor sucht mit seinen Protagonistinnen und Protagonisten nach Wegen aus einer gespaltenen Gesellschaft. Die 45-minütige Dokumentation läuft am Dienstag, 4. August, um 22.15 Uhr im ZDF.
«Deutschland ringt ums Vertrauen», heißt es zu Beginn der Reportage. Den Ausgangspunkt bildet eine ernüchternde Zahl: Laut Demokratiemonitor 2025 der Universität Hohenheim glaubt jeder Vierte in Deutschland, die Regierung verschweige der Bevölkerung die Wahrheit. Seit der Corona-Pandemie gehe ein tiefer Riss durch das Land, der auch vor Familien nicht Halt mache. Waren die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gerechtfertigt – oder steckt dahinter womöglich eine große Verschwörung? An solchen Fragen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche zwischenmenschliche Beziehungen zerbrochen.
Einer der Protagonisten ist Fritz Düker. Der 56-jährige Oralchirurg und Kommunalpolitiker aus Offenburg tritt seit der Pandemie als scharfer Kritiker staatlicher Maßnahmen auf und wurde wegen des Ausstellens unrechtmäßiger Maskenatteste zu einer Geldstrafe verurteilt. Es habe lange gedauert, ihn vor die Kamera zu bringen, erzählt die Doku. Sein Misstrauen gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien ist groß. Im Film betont Düker, wie wichtig ihm die Meinungsfreiheit sei.
Was aber bedeutet Meinungsfreiheit eigentlich? Der Soziologe Hartmut Rosa, der in dem Film auf einer Meta-Ebene zu Wort kommt, beschreibt sie als die Möglichkeit, Überzeugungen zu entwickeln und zu äußern, die einem selbst richtig erscheinen. Auch Falschheiten dürfe man nicht unterdrücken, ergänzt der Philosoph Philipp Hübl – gerade weil andere dadurch gezwungen seien, sie richtigzustellen. Zugleich erklärt die Reportage den psychologischen Mechanismus des Bestätigungsfehlers: Menschen schenken jenen Informationen mehr Aufmerksamkeit, die zu ihren bestehenden Überzeugungen passen. Auf diese Weise können sich Weltbilder immer weiter verfestigen.
Wie tief solche Gräben reichen, zeigt das Beispiel von Cecilia. Die Lehrerin im Quereinstieg liegt seit Jahren im Konflikt mit ihrer Mutter. Während der Pandemie habe ihr die Mutter mitunter Videos mit Fake News weitergeleitet, erinnert sich Cecilia. Widersprach sie und wies auf Falschaussagen hin, sei ihr vorgeworfen worden, sie sage: «Ihr seid Nazis.» Im Gegensatz zu ihrer Schwester hat Cecilia den Kontakt nicht komplett abgebrochen, doch sehen sich die beiden heute nur noch selten. Für die Reportage treffen sie sich zu einem Gespräch, bei dem jede ihre Sicht der Dinge schildert. Die Mutter spricht von Propaganda und ihrer Abneigung gegen das Impfen, die Tochter belastet derweil etwas anderes: «Ich habe Angst, meine Mutter zu verlieren.»
Die Reportage beleuchtet auch, wie Menschen in Verschwörungserzählungen hineingeraten. Claudia war jahrelang Teil einer christlichen Gemeinschaft, die einen eigenen Onlinesender betrieb. Sie war mitverantwortlich für dessen Inhalte und beschreibt die zugrunde liegende Strategie so: «Sie greifen wahre Dinge im Kern auf und bauen ein riesengroßes Lügenkonstrukt darauf auf.» Irgendwann gelang Claudia der Ausstieg – wie es dazu kam, erzählt die Dokumentation ebenfalls.
Auch die Verantwortung der Medien für die Zunahme von Verschwörungstheorien wird in dem Film nicht verschwiegen. Die Journalistin Nena Brockhaus betont: «Ich würde definitiv sagen, dass die Einseitigkeit im medialen Diskurs dazu geführt hat, dass es immer mehr Verschwörungsmythen gab.» Am Ende steht die versöhnliche Erkenntnis: Damit Begegnung möglich bleibt, muss vielleicht nicht jede Differenz überwunden werden. Die Reportage könnte damit trotz manch fraglicher Aussagen der porträtierten Menschen ein erster Schritt in Richtung einer Wieder-Annäherung sein.



