Rund eine Woche nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin hat Hamburg ein deutliches Zeichen gesetzt: Bis zu 250.000 Menschen feierten nach Angaben von Veranstaltern beim CSD in der Hansestadt friedlich und ausgelassen. Die Organisatoren sprachen von einem Teilnehmerrekord und sahen darin eine Antwort auf den Terroranschlag in der Hauptstadt.
Die Stimmung auf dem Zug war trotz der Ereignisse der Vorwoche unbeschwert. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in bunten Kostümen, einige völlig unbekleidet, und feierten ausgelassen zu Musik. Auch die Reeperbahn-Ikone Olivia Jones war dabei und schrieb auf Instagram: «Wir lassen uns nicht unterkriegen.» Die Polizei meldete einen friedlichen Verlauf.
Hintergrund des bundesweiten Entsetzens ist der Anschlag, der sich vergangene Woche am Rande des CSD in Berlin ereignet hatte. Ein 21-jähriger Mann fuhr dort mit einem Auto in eine Menschengruppe und griff vermutlich anschließend weitere Menschen mit einer Machete an. Eine Frau aus Polen wurde getötet, 31 Menschen wurden verletzt, mehrere von ihnen schwer. Nach Angaben der Behörden schwebt inzwischen niemand mehr in Lebensgefahr.
Der mutmaßliche Attentäter Abdul B. aus Berlin wurde einen Tag nach der Tat bei dem Versuch, ihn festzunehmen, erschossen. Die Ermittler fanden auf seinem Handy nach eigenen Angaben ein Bekennervideo. Der Anschlag hat bundesweit Bestürzung und Anteilnahme ausgelöst; zugleich wird über die politischen und strafrechtlichen Folgen der Tat debattiert.
In diese Debatte schaltete sich auch ein ehemaliger Pfarrer aus dem Bistum Fulda ein – mit Äußerungen, die scharfe Kritik auslösten. In einem Leserbrief an die «Fuldaer Zeitung» nannte er den CSD eine «Parade der Schamlosigkeit» und bezeichnete den Anschlag auf die Veranstaltung als «Signal des Himmels» und als «Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr». Zugleich erklärte er, die Ablehnung des Christentums rechtfertige das brutale und menschenverachtende Vorgehen der Terroristen in keiner Weise, und forderte, solchen Terroristen müsse das Handwerk gelegt werden.
Das Bistum Fulda distanzierte sich deutlich von dem Geistlichen im Ruhestand. «Sie geben weder die Position des Bistums noch die Haltung seiner Verantwortlichen wieder», hieß es in einer Stellungnahme. Insbesondere jede Deutung eines terroristischen Anschlags als Ausdruck eines göttlichen Handelns werde entschieden zurückgewiesen. Die Anteilnahme gelte den Opfern, ihren Angehörigen und allen Menschen, die durch das Verbrechen erschüttert worden seien.
Zugleich betonte das Bistum, jeder Mensch sei Ebenbild Gottes und besitze eine unveräußerliche Würde. Daraus erwachse der Auftrag, allen Menschen mit Achtung, Respekt und Nächstenliebe zu begegnen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Der Christopher Street Day stehe für das Anliegen, auf die Würde aller Menschen aufmerksam zu machen und sich gegen Ausgrenzung und Gewalt einzusetzen. Dieses friedliche Engagement unterstütze die Kirche ausdrücklich.
Auch der Chefredakteur der «Fuldaer Zeitung», Tobias Farnung, kritisierte den Leserbrief scharf. Es gebe Leserbriefe, über die man streiten könne, und es gebe Leserbriefe, bei denen die Worte fehlten, schrieb er. Jeder dürfe den CSD ablehnen, niemand müsse die Veranstaltung gut finden. Der Leserbrief sei jedoch weit darüber hinausgegangen: Wer einen Terroranschlag auf eine Veranstaltung, bei der Menschen angegriffen, verletzt und getötet wurden, als «Signal des Himmels» bezeichne, überschreite eine Grenze. Damit werde aus der Verurteilung einer Veranstaltung eine religiöse Deutung eines Gewaltverbrechens als göttliche Botschaft; den Opfern werde nachträglich ihre Würde genommen.
Der Hamburger CSD zeigte nach Ansicht der Veranstalter, dass sich die offene Gesellschaft von Gewalt nicht einschüchtern lässt. Bei ausgelassener Partystimmung, vielen Regenbogenfahnen und unbekleideten Feiernden zogen die Menschen durch die Stadt, um für Akzeptanz und Gleichberechtigung einzustehen. Der Tag endete nach Polizeiangaben ohne nennenswerte Zwischenfälle – und setzte damit ein bewusstes Gegenzeichen zu den Bildern von Gewalt aus Berlin.



