Die Vereinigten Staaten erleben derzeit die schwerste Masernwelle seit mehr als drei Jahrzehnten. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC und der Johns-Hopkins-Universität wurden in diesem Jahr bereits über 2.300 Infektionen in 45 Bundesstaaten dokumentiert. Damit liegt die Zahl der Fälle schon im Juli über dem Gesamtwert des Vorjahres, als 2.289 Erkrankungen gemeldet wurden – damals bereits ein Rekord seit der offiziellen Ausrottungserklärung der Masern im Jahr 2000.
In den vergangenen anderthalb Jahren haben die USA mehr Masernfälle verzeichnet als in den 25 Jahren zuvor zusammen. Die Krankheit galt in den USA seit der Jahrtausendwende als besiegt, doch kleinere Ausbrüche traten immer wieder auf. Nun hat sich die Lage dramatisch verschärft. Besonders stark betroffen sind die Bundesstaaten South Carolina, Utah, Texas, Florida und Arizona.
Mehr als die Hälfte aller Infektionen betrafen Kinder und Jugendliche. Über 90 Prozent der Erkrankten waren nach Angaben der CDC nicht geimpft. Die Masern zählen zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten überhaupt und können in schweren Fällen lebensbedrohlich sein. Im vergangenen Jahr starben zwei Kinder in Texas und ein Mann im Bundesstaat New Mexico an den Folgen einer Maserninfektion.
Angesichts der steigenden Fallzahlen gerät US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. zunehmend unter Druck. Der von Präsident Donald Trump ernannte Minister hatte wiederholt Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Impfungen geäußert. Kritiker werfen ihm vor, durch seine Haltung Impfskepsis zu fördern und damit die öffentliche Gesundheit zu gefährden. Kennedys Ministerium hat bislang keine neuen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie vorgestellt.
Auch im benachbarten Kanada ist die Lage angespannt. Dort galten die Masern seit 1998 offiziell als ausgerottet. Wegen großer Ausbrüche hatte die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) dem Land im Herbst den Status der Masernfreiheit jedoch entzogen. Den USA droht nun ein ähnlicher Schritt. Die Weltgesundheitsorganisation hatte bereits mehrfach betont, dass eine Impfquote von mindestens 95 Prozent nötig sei, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. In vielen betroffenen Regionen der USA liegt diese Quote deutlich niedriger.
Die aktuellen Zahlen wecken Erinnerungen an die Zeit vor der Einführung des Masernimpfstoffs in den 1960er Jahren. Damals erkrankten in den USA jährlich Hunderttausende, und es gab zahlreiche Todesfälle. Mediziner und Epidemiologen zeigen sich besorgt, dass die Impfskepsis in Teilen der Bevölkerung die Erfolge der öffentlichen Gesundheitsvorsorge zunichtemachen könnte. Sie appellieren an Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen, um nicht nur sie selbst, sondern auch die Gemeinschaft zu schützen.



