Mehr als vier Monate nach seiner Tötung beginnen im Iran die öffentlichen Trauerfeierlichkeiten für die Beerdigung des obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei. Der Leichnam des früheren Staatsoberhaupts soll drei Tage lang in der Hauptstadt Teheran aufgebahrt bleiben, bevor er für weitere Zeremonien in die Pilgerstadt Ghom und anschließend in den Irak gebracht wird. Am kommenden Donnerstag ist die Beisetzung im religiösen Zentrum seiner Heimatstadt Maschhad geplant. Für Chameneis Anhänger und die iranische Regierung ist die Staatstrauer zugleich Abschied und ein Zeichen von Machtdemonstration.
Chamenei war am 28. Februar im Alter von 86 Jahren durch einen israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz in Teheran getötet worden. Mehr als fünf Wochen führten die USA und Israel daraufhin Krieg gegen den Iran, bis sich Vertreter aus Washington und Teheran Anfang April auf eine Waffenruhe einigten. Bei den Angriffen wurden auch Dutzende iranische Generäle und Politiker getötet. Die Zukunft eines möglichen Abkommens zwischen den USA und dem Iran, das den Konflikt dauerhaft lösen soll, bleibt weiter ungewiss.
Die Behörden stellen sich auf einen Massenandrang von mehreren Millionen Anhängern ein. Regierungskritiker und viele Menschen im Iran, die Anfang des Jahres noch gegen den autoritären Kurs der Führung sowie die massive Wirtschaftskrise protestiert hatten, begegnen den Feierlichkeiten jedoch mit Gleichgültigkeit und Ablehnung. Tausende Demonstranten waren Mitte Januar bei Protesten getötet worden. Die gespaltene Stimmung in der Bevölkerung zeigt, wie tief die Risse in der iranischen Gesellschaft nach Jahrzehnten der Unterdrückung und den jüngsten Konflikten sind.
Aus Sicherheitsgründen will der Iran von Montag an seinen Luftraum für mehrere Tage sperren. Mehr als 65.000 Sicherheitskräfte werden in den Metropolen im Einsatz sein, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Irna unter Berufung auf den Kommandeur der Ordnungskräfte. Weitere 200.000 Kräfte sollen für Sicherheit in den Provinzen sorgen. Mit Blick auf den Krieg der USA und Israels warnten Irans Streitkräfte vor einer neuen militärischen Eskalation rund um die Staatstrauer. In einer Erklärung der Revolutionsgarden, die von iranischen Medien verbreitet wurde, hieß es: „Jede Fehlkalkulation wird mit einer entschlossenen und noch härteren Antwort als je zuvor beantwortet werden. Einer Antwort, die für immer in ihrer Geschichte der Schande verzeichnet bleiben wird.“
Als oberster Führer des Iran hatte Chamenei in allen wichtigen Fragen das letzte Wort, Regierung und Präsident waren ihm untergeordnet. Der schiitische Ajatollah war auch die oberste religiöse Autorität der Islamischen Republik. Unter seiner Führung entwickelten sich die Revolutionsgarden zur führenden Streitmacht des Landes und bauten ihren Einfluss in der Region aus. Chamenei galt als unantastbar. Unter seiner Herrschaft stieg der Iran mit einem starken Sicherheitsapparat zu einer einflussreichen Regionalmacht auf, die in den vergangenen Jahren jedoch massiv geschwächt wurde. Auch im Inneren regierte er mit absoluter Härte und autoritären Zügen. Kritik an seiner Person wurde nicht geduldet. „Tod dem Diktator“, riefen Demonstranten bei den jüngsten Protestwellen.
Ungewissheit herrscht über den Zustand von Chameneis Sohn Modschtaba, der eine Woche nach dem Tod seines Vaters Anfang März zum neuen Oberhaupt ernannt wurde, seitdem jedoch nicht öffentlich aufgetreten ist. Dies hatte Spekulationen über seinen Gesundheitszustand ausgelöst, wobei von schweren Verletzungen die Rede ist. Das Staatsfernsehen bezeichnete ihn als „Kriegsversehrten“, nannte aber keine weiteren Details. Auch für die Beerdigung in Maschhad ist unklar, ob er erscheinen wird. Die Trauerfeiern finden somit in einer Atmosphäre der Machtdemonstration, aber auch der inneren Spannungen und Unsicherheit über die künftige Führung des Landes statt.



