Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt ist am Samstag trotz massiver Proteste und Blockaden pünktlich um 10.00 Uhr gestartet. Rund 600 Delegierte versammelten sich in der voll besetzten Halle auf dem Messegelände, um eine neue Parteispitze zu wählen. Bereits Stunden vor dem offiziellen Beginn hatten sich die meisten Teilnehmer am Tagungsort eingefunden, wie die Partei mitteilte.
Parteichef Tino Chrupalla zeigte sich in seiner Begrüßungsrede zuversichtlich mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen im Herbst. «Vielleicht können wir bald schon alleine regieren», sagte er und richtete sich an die Spitzenkandidaten für Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern: «Ihr seid unsere Hoffnung dieses Jahr.» Mit Blick auf die Proteste erklärte Chrupalla: «Der frühe Vogel fängt den Wurm. Die Randalierer von der Antifa haben ihr eigenes Störmanöver verschlafen.»
Die Anreise der Delegierten wurde von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Viele AfD-Politiker wurden in Bussen, eskortiert von zahlreichen Polizeifahrzeugen, auf das Messegelände gebracht. Die Polizei war mit tausenden Beamten im Einsatz, unterstützt von Kräften aus fast allen Bundesländern und der Bundespolizei. Auch Pferde und Wasserwerfer wurden bereitgestellt.
Bereits am frühen Morgen beteiligten sich nach Polizeiangaben rund 20.000 Menschen an den Protesten gegen den Parteitag. Zu den Demonstrationen hatten Gewerkschaften, verschiedene Initiativen und Bündnisse aufgerufen. Die Polizei appellierte an die Demonstranten: «Bleibt friedlich.»
Mehrere tausend Demonstranten blockierten zeitweise einen Abschnitt der Autobahn 71 bei Erfurt. Das Bündnis «Widersetzen» hatte angekündigt, mit Blockaden den Parteitag verhindern zu wollen. Die Aktivisten zeigten Banner mit der Aufschrift «Kein Frieden mit der AfD». Während es auf der A71 (Halle–Suhl) zu Einschränkungen kam, blieb die A4 (Frankfurt/Main–Dresden) nach Angaben einer Polizeisprecherin unbeeinträchtigt.
Viele, vor allem junge Menschen formierten sich in Erfurter Ortsteilen zu Demonstrationszügen und bewegten sich über Feldwege in Richtung des Tagungsorts und des blockierten Autobahnabschnitts. An einer Stelle wurde eine Polizeiabsperrung durchbrochen, wobei es nach Angaben von dpa-Fotografen auch zu härteren Auseinandersetzungen kam.
In der Innenstadt von Erfurt gab es an mehreren Stellen Sitzblockaden. Rund 800 Menschen beteiligten sich laut Polizei an einer Blockade auf einem zentralen Platz in der Thüringer Landeshauptstadt, weitere Hunderte an Zufahrtsstrecken in die Stadt. Einige Aktivisten klebten sich an Straßenbahnschienen fest oder ließen sich von einer Brücke herab. Einzelne Demonstranten, die das Weiterkommen eines anderen Demonstrationszuges behinderten, wurden von Polizisten weggezogen oder weggetragen, wie ein dpa-Reporter beobachtete.
Die Nacht in Erfurt verlief nach Angaben von Erfurts Ordnungsdezernentin Heike Langguth friedlich. Auch die ersten Demonstrationen in der Innenstadt blieben weitgehend ruhig. An mehreren Orten wurde von den Demonstranten gesungen, in der Nähe des Hauptbahnhofs wurde eine große Regenbogenfahne ausgerollt. Auf Transparenten waren Slogans wie «Stoppt die Brandstifter» oder «Gegen Rassismus, Faschismus und Krieg» zu lesen.
Die Sicherheitskräfte schließen nicht aus, dass bis zu 2.500 gewaltbereite Demonstranten anreisen könnten. Ein Bürgerbüro der AfD sowie Beamte wurden nach Polizeiangaben in einer Straße mit Pyrotechnik und Farbbeuteln angegriffen.
Ein Rechtsstreit entwickelte sich um eine Allgemeinverfügung der Stadt Erfurt, die auf einzelnen Straßen Demonstrationen untersagte. Das Demonstrationsverbot gilt nach Polizeiangaben weiterhin. Die Stadt Erfurt hat nach Angaben des Oberverwaltungsgerichts Beschwerde gegen eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Weimar eingelegt. Das Verwaltungsgericht hatte moniert, dass sich die Allgemeinverfügung auch gegen friedliche Versammlungen richte und ein polizeilicher Notstand nicht nachgewiesen worden sei.



