250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika scheint der amerikanische Traum für viele Bürger in weite Ferne gerückt. Die Vision vom sozialen Aufstieg, von Chancengleichheit und Wohlstand für alle, die das Land seit seiner Gründung prägt, steht heute vor tiefgreifenden Herausforderungen. In Philadelphia, nur wenige Meter vom Ort des historischen Ereignisses vom 4. Juli 1776 entfernt, treffen die unterschiedlichsten Ansichten aufeinander. Während der eine den Traum als „konstanten Glauben an Hoffnung“ beschreibt, bezeichnen ihn andere als „Lüge“ oder gar als „amerikanischen Albtraum“.
Eine repräsentative Umfrage des Pew Research Centers zeigt, dass fast 60 Prozent der US-Bürger überzeugt sind, dass die besten Jahre ihrer Nation bereits in der Vergangenheit liegen. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Amerikaner geht davon aus, dass die Wirtschaft bis zum Jahr 2050 abkühlen wird, das Land international an Bedeutung verlieren wird und die politische Spaltung weiter zunehmen wird. Besonders jüngere Erwachsene zeigen sich dabei pessimistischer als ältere Generationen. Diese Stimmungslage steht in deutlichem Kontrast zu den optimistischen Gründungsmythen der Nation.
Ein zentraler Grund für die wachsende Skepsis sind die wirtschaftlichen Perspektiven. Die Vorstellung, dass jeder hart arbeitende Mensch den sozialen und ökonomischen Aufstieg schaffen kann, bekommt angesichts von Inflation und struktureller Ungleichheit Risse. Steigende Kosten für Wohnraum, Lebenshaltung, Gesundheitsversorgung und Hochschulbildung setzen viele Amerikaner unter Druck, während die Lohnentwicklung nicht Schritt hält. Zwar gibt es vereinzelt Menschen, die etwa durch den KI-Boom Karriere machen, doch viele andere kämpfen darum, über die Runden zu kommen. „Leben, Essen kaufen, seine Rechnungen bezahlen können – das ist heutzutage so schwer“, sagt die 51-jährige Janis aus Philadelphia.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten werden durch migrationspolitische Entscheidungen verstärkt. Ökonomen zufolge tragen rückläufige Migrationszahlen zu hohen Verbraucherpreisen bei. Menschen aus dem Ausland, die bereit sind, für geringere Löhne zu arbeiten, bilden einen bedeutenden Teil der Arbeiterbasis in den USA. Angesichts der restriktiven Migrationspolitik von Präsident Donald Trump meiden jedoch viele Arbeitskräfte das Land. Da Firmen, Farmer und Restaurants höhere Löhne zahlen müssen, verteuern sich Produkte und Dienstleistungen weiter, was die finanzielle Lage vieler Haushalte zusätzlich belastet.
Ein weiterer Aspekt des amerikanischen Traums ist das Versprechen gleicher Chancen unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Trump versuchte zu Beginn seiner zweiten Amtszeit, das in der Verfassung verankerte Geburtsrecht drastisch einzuschränken. Der Supreme Court machte diesem Vorhaben jedoch einen Strich durch die Rechnung und bestätigte wenige Tage vor dem 250. Gründungsjubiläum, dass Kinder, die in den USA zur Welt kommen, automatisch die US-Staatsbürgerschaft erlangen – auch wenn ihre Eltern sich illegal oder nur vorübergehend im Land aufhalten. „Damals wie heute bedeutet Staatsbürgerschaft das Recht, Rechte zu haben – frei an unserer politischen Gemeinschaft teilzunehmen“, schrieb der Vorsitzende Richter John Roberts in der Urteilsbegründung.
Bereits vor gut 60 Jahren mahnte der Bürgerrechtler Martin Luther King die Gleichberechtigung aller Amerikaner an. „Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einem Land leben werden, in dem sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden“, sagte er 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington. Mit seiner Vision der Gleichheit von Schwarzen und Weißen schrieb King Geschichte und traf den wunden Punkt einer Nation, die damals durch staatlich verordnete Trennung, tief sitzenden Rassismus und die systematische Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung gespalten war. Zwar folgten historische Errungenschaften wie der Voting Rights Act von 1965, doch der Supreme Court hat den Schutz von Minderheiten bei der Wahlkreisgestaltung jüngst wieder geschwächt.
Im Jubiläumsjahr 2026 hat der Optimismus in den USA tiefe Risse bekommen. Weniger als die Hälfte der befragten Amerikaner (46 Prozent) glaubt überhaupt noch an eine Chancengleichheit für alle im Land, wie eine repräsentative Umfrage des Milken Center for Advancing the American Dream ergab. Der amerikanische Traum, einst ein Leuchtfeuer der Hoffnung für Millionen von Einwanderern, scheint für viele zu einem unerreichbaren Ideal geworden zu sein. Die Frage, ob die USA ihre Gründungsversprechen in den nächsten 250 Jahren einlösen können, bleibt offen.



