Kultur 4 Min. Lesezeit Von Marlene Brandt
«The Sinking City 2»: Lovecraft-Horror trifft auf Resident-Evil-Formel
Frogwares liefert mit «The Sinking City 2» einen Survival-Horror, der sich stark an den modernen Resident-Evil-Spielen orientiert, aber durch sein dichtes 1920er-Arkham-Setting und eine emotionale Lovecraft-Geschichte überzeugt.
«The Sinking City 2» ist ein Survival-Horror, der sich ungeniert an den modernen Resident-Evil-Spielen orientiert – und genau darin liegt seine Stärke. Der Titel des ukrainischen Studios Frogwares spielt im Jahr 1929 in der fiktiven Stadt Arkham, Massachusetts, und erzählt die Geschichte des Okkultisten Calvin Rafferty. Er erwacht inmitten einer apokalyptischen Flut, die die gesamte Stadt auszulöschen droht. Was zunächst nach einer weiteren Lovecraft-Adaption klingt, entpuppt sich als gelungene Mischung aus vertrauter Spielmechanik und atmosphärisch dichtem Weltenbau.
Die Handlung dreht sich um eine halb vergessene Expedition in Lovecrafts surreale Traumlande, die Calvins Partnerin Faye in einen komatösen Zustand versetzt hat. Diese emotionale Ausgangslage gibt dem Spiel von Beginn an Dringlichkeit und trägt durch die etwas langsamere erste Hälfte des ersten Kapitels. Die Geschichte bleibt dabei erstaunlich zugänglich, obwohl sie sich mit den schwereren metaphysischen Aspekten von Lovecrafts Kosmos auseinandersetzt. Fans der Cthulhu-Mythen werden zahlreiche Anspielungen und Gastauftritte bekannter Entitäten entdecken, ohne dass das Spiel in reine Fanbedienung abrutscht.
Das Herzstück ist Arkham selbst. Die Stadt präsentiert sich als wunderschön heruntergekommenes, nasses Panorama, das durch exzellente Texturen und Sounddesign eine beklemmende Atmosphäre erzeugt. Jedes Kapitel führt in ein neues Viertel: von überfluteten Straßen, die man per Boot erkundet, über ein verlassenes Krankenhaus mit einem unaufhaltsamen Verfolger-Gegner im Stil von Mr. X bis hin zum Fischmarkt, der für Calvin unangenehm fischlastige Wendungen bereithält. Die Umgebungen wirken detailverliebt und fühlen sich gleichzeitig bewohnt und von der Katastrophe gezeichnet an.
Mechanisch ist das Spiel ein Tribut an die modernen Resident-Evil-Teile. Calvin kann eine kleine Waffenauswahl sammeln, aber es gibt nie genug Munition, um alles zu erschießen. Das führt zu angespanntem Durchsuchen von Schubladen nach jeder letzten Kugel. Nahkampf ist möglich, aber ineffektiv, sodass der Umgang mit Gegnern eine bewusste Entscheidung zwischen Heilitems und Munition erfordert. Das Inventarsystem, die Steuerung und sogar das Freischalten von Perks im New-Game-Plus-Modus ähneln stark den jüngsten Capcom-Titeln.
Die Ähnlichkeiten sind so deutlich, dass sich das Spiel wie eine Gratis-Zugabe anfühlt, während man auf den nächsten großen Resident-Evil-Ableger wartet. Frogwares setzt die Formel jedoch kompetent um und verleiht ihr durch das einzigartige Setting eine eigene Persönlichkeit. Die Zwischensequenzen und Gesichtsanimationen erreichen nicht immer das gleiche Niveau, aber die durchweg starke Sprachausgabe gleicht diese Produktionsschwächen weitgehend aus.
«The Sinking City 2» ist damit mehr als eine bloße Kopie. Es verbindet die bewährte Survival-Horror-Mechanik mit einer erzählerischen Tiefe, die Lovecrafts Ideen ernst nimmt, ohne in die veralteten Fallen des Autors zu tappen. Für Genre-Fans, die auf den nächsten Capcom-Titel warten, ist es eine empfehlenswerte Überbrückung – und für Lovecraft-Liebhaber ohnehin ein Pflichttermin.



