Die Ikone der deutschen Rockmusik wird 80 Jahre alt: Inga Rumpf, Sängerin mit kraftvoller Stimme, steht seit Jahrzehnten für Rock, Blues, Jazz, Folk und Gospel. Sie war eine der ersten Frauen in der Branche, spielte mit Weltstars wie Lionel Richie und B.B. King und rockte mit Ron Wood und Keith Richards von den Rolling Stones. Ihren runden Geburtstag nimmt die in Niedersachsen lebende, preisgekrönte Künstlerin, die auch komponiert und textet, zum Anlass für einen selten gewordenen Auftritt.
Das große Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie am 13. September ist längst ausverkauft. Unter dem Motto «Inga 80 – Inga Rumpf & Friends + Very Special Guests» sollen ihre vielfältigen musikalischen Ausdrucksmittel gefeiert werden, geplant ist ein Live-Mitschnitt. «Das Konzert wird ein Zeitdokument», sagt Rumpf und freut sich über den Zuspruch ihrer Fans, die ihr zum Teil seit Jahrzehnten die Treue halten und inzwischen mit Kindern und Enkeln kommen. Wer zu den Friends und Guests gehören wird, bleibt noch geheim.
Ihre Verbundenheit zur Hansestadt ist bis heute sichtbar. Zum Interview erschien Rumpf in Matrosenpulli, Lederjacke und mit Stiefeln – ihr maritimes Outfit ist kein Zufall. Als Seemannstochter nahe dem Hauptbahnhof aufgewachsen, lief sie als Kind oft zum Hafen, badete am Strand und genoss das Hämmern und Stampfen auf den damals vielen Werften. Eigentlich wollte sie als Funkerin zur See fahren: «Als junges Mädchen konnte ich das Morse-Alphabet und kannte alle Flaggen-Signale», erinnert sich Rumpf. «Es ist dann anders gekommen – und das ist auch gut so.»
Auch ihre Anfänge liegen in Hamburg: 1965 begann ihre Karriere mit der Folk-Rock-Gruppe City Preachers, erste Auftritte gab es in einer Teestube auf St. Pauli. «Das war eigentlich Weltmusik. Viel Folklore, ich habe Blues und Gospel dazu beigetragen», blickt die Sängerin zurück. Auf Drängen ihrer Mutter hatte sie zuvor eine Ausbildung als Schaufensterdekorateurin abgeschlossen und einen Kaufmannsgehilfen-Brief in der Tasche. Die Preachers, bei denen zeitweise Udo Lindenberg Schlagzeug spielte, standen für die Folk-Bewegung, die mit Bob Dylan und Joan Baez aus den USA kam. Rumpf und ihre Mitstreiter demonstrierten gegen den Vietnam-Krieg und nahmen die Platte «Warum – Lieder gegen den Krieg» auf.
Um 1970 gründete Rumpf mit dem Keyboarder Jean-Jacques Kravetz, der in Paris das Musikkonservatorium besucht hatte, die Band Frumpy. Die Gruppe machte im weitesten Sinne progressive Rockmusik, Vorbilder waren Jimi Hendrix, Procol Harum und die Rolling Stones. Es war die Zeit der Hippie-Bewegung: Gespielt wurde zunächst in Dorfkneipen und Tanzsälen, bald auf den großen Festivals. Frumpy stieg zur Kultband auf – mit Klassikern wie «How The Gypsy Was Born», «Friends», «Indian Ropeman» und «Get On Board». Dem Drogenkonsum der Szene entzog sich die Frontfrau früh: «Ich trinke höchstens gern mal ein Bier, habe nie viel geraucht, seit fünf Jahren überhaupt nicht mehr.»
Aus Frumpy ging 1972 Atlantis hervor, wiederum mit Udo Lindenberg an Bord. Auch in den USA kam die Band mit Rumpfs markanter Stimme gut an. «Ihre Stimme ist wirklich einzigartig und unverwechselbar», würdigte Kollege Achim Reichel (82, The Rattles) die Sängerin in einer WDR-Dokumentation. Nach der Auflösung von Atlantis 1976 folgten viele Neuanfänge: Rumpf tourte mit ihrer Band Reality, war Dozentin an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater und gab umjubelte Gospel-Konzerte in evangelischen und katholischen Kirchen.
Die Musik entdeckte sie als schüchterner und stotternder Teenager als Weg, sich zu entfalten. «Wenn ich gesungen habe, wusste ich, das ist mein Raum, da kann mir keiner was anhaben», erzählt sie. «Ich dachte, mit Musik kann ich viel erreichen – die Welt sehen, Menschen kennenlernen und meinen Lebensunterhalt verdienen.» Sie behielt recht. Ihren Lebensweg bereut die 80-Jährige nicht: «Ich bedaure überhaupt nichts.»



