Im Rostocker «Polizeiruf 110: Diebe» gerät die Kommissarin Melly Böwe in einen emotionalen Konflikt, der ihre professionelle Distanz infrage stellt. Der Kriminalfall, der am Sonntag im Ersten wiederholt wird, dreht sich um eine drogenabhängige Mutter, die unter Mordverdacht steht. Böwe, gespielt von Lina Beckmann, lässt sich von dem Schicksal der jungen Frau und ihrer vierjährigen Tochter so sehr berühren, dass sie die Grenzen zwischen Ermittlungsarbeit und persönlicher Anteilnahme überschreitet.
Die Handlung beginnt mit dem Tod einer älteren, wohlhabenden Frau in ihrem Haus in einer tristen Vorstadtgegend von Rostock. Was zunächst wie ein tragischer Haushaltsunfall aussieht, entpuppt sich bald als Mord. Die Spuren führen zu Mascha Kovicz, einer jungen Frau, die regelmäßig in fremde Wohnungen einbricht, um ihre Heroinsucht zu finanzieren und sich sowie ihrer Tochter Holli ein erträgliches Leben zu ermöglichen. Die beiden hausen in einer verlassenen Gartenlaube, die sie sich zu einem ärmlichen, aber grünen Paradies gemacht haben. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf Kovicz, doch auch der wesentlich jüngere Ehemann der Toten und ein zwielichtiger Immobilienhändler geraten ins Visier.
Kommissarin Böwe zeigt sich von dem Fall besonders betroffen. Sie vertraut ihrer Kollegin Katrin König an, dass sie selbst mit 16 Jahren ihre Tochter allein großgezogen habe. «Wenn mir damals niemand geholfen hätte…», sagt sie und versucht daraufhin, Kovicz zu einem Drogenentzug zu bewegen, als dieser das Kind weggenommen wird. «Das ist Ihre letzte Chance. Sie dürfen das jetzt nicht verkacken», drängt sie die Verdächtige. König, gespielt von Anneke Kim Sarnau, reagiert skeptisch auf die emotionale Involviertheit ihrer Kollegin. «Du denkst, du kannst sie retten? Wird dir aber nicht gelingen», stellt sie trocken fest. Böwe verteidigt ihre Annäherung: «So gewinnst du ihr Vertrauen nicht.» König entgegnet lapidar: «Bei Junkies fang' ich mit Vertrauen gar nicht erst an.»
Der Konflikt zwischen den beiden Ermittlerinnen ist ein zentrales Element des Films. Er changiert zwischen unterschiedlichen Charakterzügen, beruflichem Gewissen und gesellschaftlichen Schieflagen. Darstellerin Anneke Kim Sarnau kommentiert das Kommissarinnen-Dasein mit der Frage: «Wie viel Empathie muss man in diesem Job zulassen, um überhaupt an die Menschen ranzukommen, und wie schützt man sich, damit man nicht zu sehr von ihrem Leid berührt wird?» Für die erfahrene TV-Polizistin sei dies eine schwierige Aufgabe, da man in diesem Beruf stets mit krassen Schicksalen konfrontiert werde.
Neben dem Fall wird auch Königs Privatleben thematisiert. Unerwartet taucht ihr Vater Günther auf, den sie seit 40 Jahren nicht gesehen hat. Er ist pleite, körperlich nicht fit und gesteht seiner Tochter angebliche Vaterliebe. König weist ihn zurück: «Ich bin nicht dein kostenloses Altersheim.» Das Misstrauen zwischen den beiden scheint unüberwindbar. Diese persönliche Ebene verwebt sich mit den Ermittlungen und verstärkt das Gefühl, dass klare Grenzen zwischen Täter und Opfer, zwischen Schuld und Unschuld verschwimmen.
Regisseur Andreas Herzog, der bereits mehrfach für seine Krimi-Arbeiten ausgezeichnet wurde, inszeniert den Film nach einem Drehbuch von Elke Schuch. Er lässt die sozialen Abgründe der Hansestadt zwischen Armut und Reichtum sichtbar werden. Herzog betont, dass es ihm darum gehe, den Wert von Besitz zu hinterfragen. «Eine Geschichte, in der die Frage nach der Schuld an einem Verbrechen ausschließlich dem Täter in die Schuhe geschoben wird, ist meiner Ansicht nach ohnehin nicht erzählenswert», sagt er. Im Vergleich zum «Tatort» sieht er ein positives Alleinstellungsmerkmal des «Polizeiruf 110» in einer Krimistruktur, «in der die Frage nach dem Mordmotiv viel schwerer wiegt als die Frage, wer den Mord begangen hat».
Der Film stellt die Frage, wann Diebstahl in einer ausbeuterischen Gesellschaft moralisch nicht verwerflich ist. Die Zuschauer werden dazu angeregt, über die Umstände nachzudenken, die Menschen in die Kriminalität treiben. Die schauspielerische Leistung von Meira Durand als Mascha Kovicz und Mathilda Graf als deren Tochter Holli wird dabei als besonders glaubwürdig hervorgehoben. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die an die erfolgreiche Netflix-Serie «Maid» erinnert, ist eine der schönsten und gleichzeitig schrecklichsten des Films.
Seit 2022 ermittelt Lina Beckmann als Kommissarin Melly Böwe an der Seite von Anneke Kim Sarnau im Rostocker «Polizeiruf 110». Sie trat die Nachfolge von Alexander «Sascha» Bukow an, der die Fangemeinde mit seinem Ausstieg schockierte. Mit sechs Fällen hat sich Beckmann inzwischen als neue Kollegin etabliert. «Diebe» ist ihr vierter Fall und zeigt eindrücklich, wie sie die Rolle mit Leben füllt. Der Film wird am Sonntag im Ersten ausgestrahlt und verspricht einen spannenden und nachdenklich stimmenden Krimiabend.



