Zwischen dem barocken Gemälde «Himmelfahrt Mariens» von Peter Paul Rubens und zeitgenössischen Installationen werden künftig auch Atemübungen praktiziert: Der Kunstpalast in Düsseldorf bietet mit «Visual Arts Yoga» eine Führung an, die klassische Yoga-Elemente mit Kunstbetrachtung verbindet. In rund 90 Minuten geht es dabei weniger um Bewegung auf der Matte als um Achtsamkeit vor den Werken.
An einem Abend nimmt eine Gruppe von 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dem Angebot teil. Der Altersdurchschnitt ist bunt gemischt, an diesem Abend sind mit vier Männern ungewöhnlich viele Vertreter des Geschlechts dabei. Einen Dresscode gibt es nicht, Sportkleidung ist nicht erforderlich. Stattdessen sind vor allem Augen und Kopf gefordert: Immer wieder schließen die Teilnehmer die Augen, atmen tief ein und aus, spüren den Boden unter den Füßen und lockern die Schultern. Die Übungen sind an klassische Yogapraxis angelehnt, verzichten jedoch auf die bekannten Mattenpositionen.
Entwickelt wurde das Konzept von Simone Hoffmann. Die Yogalehrerin praktiziert seit etwa 15 Jahren und sieht in dem Angebot eine Gelegenheit, mit einem verbreiteten Bild von Yoga aufzuräumen. «Ich habe Freude daran, mit diesem Yoga-Bild etwas aufzuräumen», sagt sie. Neben Körperübungen seien Atmung und Meditation gleichwertige Bestandteile der jahrtausendealten Praxis. Hoffmann wählte die Kunstwerke gezielt aus. Das Projekt ist in die Dauerausstellung des Museums eingebunden und damit langfristig angelegt. Bei der Umsetzung arbeitet der Kunstpalast mit Valeara zusammen, einem bundesweit tätigen Anbieter für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie.
Das Interesse an dem Format ist groß. Nach Angaben des Kunstpalasts sind viele Termine, die von verschiedenen Guides geleitet werden, bereits ausgebucht. Bei steigender Nachfrage will das Museum zusätzliche Termine anbieten. Das Haus hatte erst im vergangenen Jahr mit Führungen durch einen übelgelaunten «Grumpy Guide» einen Erfolg gefeiert. Auch der Museumsverband Nordrhein-Westfalen begrüßt die neue Führung. Geschäftsführer Tilmann Bruhn sieht in der Verbindung von Bewegung, Atmung und Kunstbetrachtung einen Zugang, der Menschen abholt, die sich im klassischen Ausstellungsbetrieb vielleicht nicht wiederfinden.
Ein bekanntes Yoga-Element hat dennoch Einzug in die Führung gehalten: die Baumhaltung. Dafür balancieren die Teilnehmer auf einem Bein und winkeln das andere Bein am Oberschenkel an. Vor Rubens großformatigem Gemälde «Himmelfahrt Mariens» wird dabei erfahrbar, wie Sehen und Stabilität zusammenhängen. Mal stabiler, mal wackliger stehen die Teilnehmer vor dem berühmten Werk. Ältere Gemälde mit konkreten Figuren hat Hoffmann für ihre Tour bewusst nur selten ausgewählt, weil sie von der Meditation ablenken könnten. «Da ist man vielleicht zu sehr abgelenkt», erklärt sie.
Einer der Höhepunkte der Führung ist ein unbenanntes Werk der zeitgenössischen Künstlerin Karin Kneffel. Die Darstellung einer sich spiegelnden Stehlampe und schattenbehafteter Vorhänge lässt Innen- und Außenraum verschwimmen. Um die Kunst nicht nur zu sehen, sondern zu erkennen, schließen die Teilnehmer die Augen und bewegen die Köpfe sanft von der rechten zur linken Schulter. Hinter den geschlossenen Lidern sollen die Augen mitwandern. «Es geht ausschließlich um das Wahrnehmen dessen, was jetzt ist», leitet Hoffmann die Gruppe an. In dem Moment ist nur noch das Rauschen der Lüftungsanlage und die Tonspur einer Kunstinstallation zu hören.
Die Wirkung wird sichtbar, sobald die Teilnehmer die Augen wieder öffnen. Einige beschreiben das Kneffel-Werk danach als leuchtender, wärmer und tiefer. «Als ich meine Augen aufgemacht habe, hat es so geflimmert», erzählt ein Teilnehmer. Seine Begleitung stimmt zu: «Das ist so krass.» Insgesamt durchläuft die Gruppe acht Stationen, an denen Achtsamkeit und die Philosophie des Yoga erlebbar werden.
Am Ende der Tour sind die Besucher sichtlich entspannt. «Die Idee finde ich einfach super. Die Räume hier sind ja auch so sakral, das ist wie ein heiliger Ort», sagt Katja Hübbers, die gemeinsam mit ihrer Tochter Leonie teilgenommen hat. «Da hat man echt gemerkt, dass man entspannter ist nach so einer Zeit», ergänzt Leonie Hübbers. Vorkenntnisse sind für die Teilnahme nicht nötig. Laut Hoffmann eignet sich das «Visual Arts Yoga» für Yoga-Begeisterte ebenso wie für Menschen, die es noch werden wollen. Die Führungen finden bewusst zu Randzeiten oder nach den eigentlichen Öffnungszeiten des Kunstpalastes statt.



