„Das alles und noch viel meeehr, würd' ich machen, wenn ich König von Deutschland wär'“: Mit diesen Zeilen eroberte Rio Reiser im Sommer 1986 die deutschen Charts und die Herzen vieler Hörer. Der Song „König von Deutschland“ stammt von seinem Solo-Debütalbum „Rio I.“, das vor 40 Jahren erschien und von Annette Humpe produziert wurde. Das Album stieg Mitte Juni 1986 in die deutschen Charts ein und erreichte als Höchstplatzierung Rang 26. Reiser, der vor 30 Jahren mit nur 46 Jahren starb, schuf mit diesem Lied einen politischen Ohrwurm, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Der Text des Liedes reflektiert satirisch die bundesdeutsche Politik und die westdeutsche Pop- und Unterhaltungskultur Mitte der 80er Jahre. Das lyrische Ich fantasiert darüber, was es tun würde, wenn es König von Deutschland wäre: „Bei der Bundeswehr gäb' es nur noch Hit-Paraden“, „die Lottozahlen eine Woche vorher sagen“, „die Socken und die Autos dürften nicht mehr stinken“ und „jeden Morgen erst mal ein Glas Schampus trinken“. Diese Fantasien sind Ausdruck einer Zeit, in der das Fernsehen noch eine Sendepause hatte und die Menschen sich ihre eigenen Gedanken über die Gesellschaft machten.

Die Ausgangslage im Text ist bewusst einfach gehalten: „Jede Nacht um halb eins, wenn das Fernsehen rauscht. Leg’ ich mich aufs Bett und mal mir aus, wie es wäre, wenn ich nicht der wäre, der ich bin, sondern Kanzler, Kaiser, König oder Königin.“ Diese Zeilen spiegeln die damalige Fernsehlandschaft wider, in der die Sender nachts tatsächlich eine Pause einlegten. Reiser nutzt diese Alltagssituation, um politische und gesellschaftliche Missstände auf humorvolle Weise zu kritisieren.

Im Originaltext von 1986 kommen zahlreiche prominente Persönlichkeiten vor. So wird der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) erwähnt: „Ich denk' mir, was der Kohl da kann, das kann ich auch.“ Auch US-Präsident Ronald Reagan wird genannt: „Ich käm' viel rum, würd' nach USA reisen, Ronny mal wie Waldi in die Waden beißen.“ Die Politiker Helmut Schmidt (Ex-Kanzler, SPD) und Franz Josef Strauß (bayerischer Ministerpräsident, CSU) werden ebenfalls bedacht: „Ich wär' schicker als der Schmidt und dicker als der Strauß.“ Aus der Unterhaltungsbranche nennt Reiser den Liedermacher Reinhard Mey, der als „des Königs Barde“ bezeichnet wird, sowie das „Verstehen Sie Spaß?“-Moderationsduo Paola und Kurt Felix, die als „Schweizer Garde“ dienen müssten. Zudem wird der „Was bin ich?“-Moderator Robert Lembke hervorgehoben: „Im Fernseh'n gäb es nur noch ein Programm: Robert Lembke 24 Stunden lang.“ Lembke moderierte mehr als 30 Jahre das Fernsehquiz „Was bin ich?“.

Neben den zeitgenössischen Persönlichkeiten greift Reiser auch auf historische Figuren zurück. So erwähnt er den italienischen Komponisten Antonio Vivaldi: „Ich würd' Vivaldi hören tagein-tagaus.“ Auch die österreichische Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, bekannt als Sissi, wird genannt: „Ich hätte zweihundert Schlösser und wär' nie mehr pleite; Ich wär' Rio der Erste, Sissi die Zweite.“ Diese Mischung aus Popkultur und Geschichte verleiht dem Lied eine besondere Tiefe und macht es zu einem zeitlosen Dokument der 80er Jahre.

Der Song hat im Laufe der Jahre eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Er wurde immer wieder angepasst und verändert, auch von Rio Reiser selbst, der 1994 eine aktualisierte Version unter dem Titel „König von Deutschland 94“ veröffentlichte. Zahlreiche Coverversionen entstanden, darunter von Künstlern wie Daniel Küblböck, Bill Kaulitz, Bela B. und Roger Cicero. Diese Neuinterpretationen zeigen, wie flexibel der Text ist und wie er immer wieder auf aktuelle politische Gegebenheiten bezogen werden kann.

In Deutschland hat das Lied inzwischen Folklore-Charakter. Es wird häufig in Theaterstücken eingebaut und meist absichtlich verändert, um einen aktuelleren politischen Bezug herzustellen. Besonders gut geeignet ist die Stelle „Ich denk' mir, was der Kohl da kann, das kann ich auch“. Diese Zeile wurde im Laufe der Jahre auf verschiedene Kanzler und Kanzlerkandidaten umgedichtet: „was der Schröder kann“, „was die Merkel kann“, „was der Scholz da kann“ oder „was der Merz da kann“. Das NDR-Satiremagazin „extra 3“ dichtete das Lied 2021 sogar als Song für Friedrich Merz um, mit Zeilen wie: „Ich hab keine Empathie für Migranten, für Kurzarbeiter und auch nicht für Klima-Tanten; Ich will hier keine Armen, wenn ich Kanzler wäre, dann kümmer’ ich mich nur noch um die Aktionäre.“

Ob „König von Deutschland“ Rio Reisers größter Hit ist, darüber lässt sich streiten. Auch Songs wie „Alles Lüge“ und „Junimond“ sind Klassiker geworden, ebenso wie viele Hits seiner früheren Band Ton Steine Scherben, allen voran „Halt dich an deiner Liebe fest“. Auf Reisers letzter Ruhestätte auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg wird auf das Lied angespielt: Auf dem Grabstein befindet sich ein Herz mit Krone – für den „König von Deutschland“. Dieses Symbol unterstreicht die bleibende Bedeutung des Liedes für die deutsche Musik- und Kulturgeschichte.

Autor

Kulturkorrespondentin

Marlene Brandt berichtet für Junkr Party über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.