Gesellschaft 4 Min. Lesezeit Von Leonie Vogt
Dieser Kater fraß seltene Enten – und entkam drei Jahre lang jeder Falle
„Nine Lives“ wurde in Neuseeland zum Symbol eines unangenehmen Konflikts: Ein faszinierendes Tier bedrohte gleichzeitig eine extrem seltene heimische Art.
Ein grauer Kater, ein Spitzname wie aus einem Meme und drei Jahre Katz-und-Maus-Spiel: Die Geschichte von „Nine Lives“ klingt zuerst wie eine kuriose Tierstory. Auf der neuseeländischen Halbinsel Purerua war sie für Naturschützer allerdings ziemlich ernst. Der verwilderte Kater soll Dutzende Pāteke getötet haben, eine Entenart, die es nur in Neuseeland gibt.
2023 setzte das Projekt Pest Free Purerua 20 Pāteke aus. Die Vögel waren gezielt für die Rückkehr in die Wildnis aufgezogen worden. Schon nach einer Woche wurde der erste tote Vogel gefunden. Kameras erfassten einen großen getigerten Kater mit auffälligen Markierungen. Danach wurden weitere 15 tote Pāteke mit demselben Tier in Verbindung gebracht.
Das Team stellte mehr Fallen auf und installierte Nachtkameras. Andere verwilderte Katzen gingen in die Fallen, aber dieser Kater nicht. Er erschien mal am Abend, mal nachts, mal am Morgen und manchmal am helllichten Tag. Dann war er plötzlich für Monate weg. Weil er immer wieder davonkam, bekam er den Namen „Nine Lives“.
Ein Jahr später probierten es die Naturschützer erneut. 2024 wurden weitere 20 Pāteke freigelassen. Der Kater tauchte wieder auf und soll 15 Tiere dieser Gruppe getötet haben. The Guardian schätzt, dass er insgesamt Dutzende Pāteke erwischte, ungefähr ein Prozent der Population.
Warum ist das so viel? Das neuseeländische Department of Conservation schätzte 2022 nur 2.000 bis 2.500 wild lebende Pāteke im ganzen Land. Die kleinen braunen Enten sind die seltensten Wasservögel auf dem neuseeländischen Festland. Sie waren früher viel weiter verbreitet, wurden aber durch Lebensraumverlust und eingeführte Raubtiere stark zurückgedrängt.
Ende Juli 2026 machte „Nine Lives“ einen Fehler: Er kam drei Nächte hintereinander zu einem Steinbruch. Für ein Tier, das sonst kaum berechenbar war, war das ungewöhnlich. Die Fänger legten Lachs, gebratenes Hähnchen und Kaninchen aus und stellten Käfige auf. Am 30. Juli schickte eine Kamera eine Nachricht aufs Handy: In einem Käfig saß ein Kater. Das Team bestätigte, dass es „Nine Lives“ war, und erschoss ihn tierschutzgerecht.
Danach begann sofort die nächste Debatte. Einige Menschen fanden die Tötung grausam und hätten das Tier lieber lebend gesehen. Naturschützer verweisen dagegen darauf, dass verwilderte Katzen in Neuseeland Arten jagen, die sich gegen solche Säugetier-Räuber kaum entwickelt haben. Der Kater war nicht „böse“ — er tat, was Katzen tun. Das ökologische Problem entstand daraus, wo er es tat.
Die Regierung hat verwilderte Katzen Ende 2025 in das Programm Predator Free 2050 aufgenommen. Hauskatzen gehören ausdrücklich nicht zum Ausrottungsziel. Gleichzeitig sollen Halter ihre Tiere so halten, dass sie möglichst wenig Wildtiere töten.
Der Körper von „Nine Lives“ soll untersucht und anschließend präpariert werden, um ihn in der Umweltbildung zu zeigen. Purerua könnte später wieder Pāteke aussetzen. Dann wird sich zeigen, ob die Geschichte wirklich mit einem gefangenen Kater endet — oder ob der Schutz seltener Arten vor allem dauerhafte Arbeit gegen immer neue Räuber bedeutet.



