Junkr

Montag, 10. August 2026 · Berlin

Suche

Wirtschaft 6 Min. Lesezeit

Warum bekannte Bike-Marken wie Ghost und Winora plötzlich in der Insolvenz landen

Accell hat sich beim Pandemieboom verschätzt: zu viele Bestände, viel Schuldenlast und am Ende kein Käufer für die ganze Gruppe. Die Marken sind deshalb nicht automatisch weg, sondern suchen jetzt neue Eigentümer.

Warum bekannte Bike-Marken wie Ghost und Winora plötzlich in der Insolvenz landen
Bildnachweis: GHOST Bikes

Ghost, Winora, Haibike, Raleigh und Lapierre klingen nicht wie Marken eines gescheiterten Konzerns. Genau das macht die Accell-Krise so überraschend. Die Fahrräder stehen weiterhin in Shops, die Logos sind bekannt und noch im Frühjahr wurden neue Modelle für 2027 angekündigt. Trotzdem ist die finanzielle Struktur hinter ihnen im August 2026 zusammengebrochen.

Der wichtigste Punkt zuerst: Die Marken schließen nicht alle gleichzeitig. Accell hat für seine niederländischen Firmen einen gerichtlichen Zahlungsaufschub bekommen. In Deutschland laufen eigene Verfahren, in Frankreich ebenfalls. Das Ziel ist überall ähnlich: Geschäfte weiterführen, Zeit gewinnen und neue Investoren finden.

In Deutschland betrifft das Accell Germany, Winora Staiger, Ghost Bikes und Engelbert Wiener Bike-Parts. Rund 370 Menschen arbeiten in Sennfeld und Waldsassen. Die Unternehmen kamen 2025 zusammen auf ungefähr 340 Millionen Euro Umsatz. Sie sind in Eigenverwaltung, also nicht einfach stillgelegt.

Eigenverwaltung bedeutet grob: Das bisherige Management darf weiterführen, wird aber gerichtlich überwacht. Löhne und Gehälter sind am Anfang über Insolvenzgeld geschützt. Für Beschäftigte ist das natürlich trotzdem eine unsichere Phase, aber es ist etwas anderes als eine sofortige Liquidation.

Warum passiert das ausgerechnet jetzt? Die Antwort beginnt mit der Pandemie. Fahrräder und E-Bikes wurden extrem gefragt. Hersteller kämpften mit Lieferproblemen und bestellten mehr Komponenten, um nicht wieder ohne Ware dazustehen. Viele gingen davon aus, dass der Boom lange anhält.

Dann normalisierte sich der Alltag. Wer während der Pandemie ein gutes Fahrrad gekauft hatte, brauchte nicht sofort das nächste. Gleichzeitig kamen verspätete Bestellungen in die Lager. Plötzlich gab es zu viele Bikes, Rabatte und weniger Marge. Für einen Konzern mit hoher Verschuldung ist so ein Umschwung besonders hart.

Accell war 2022 von einem Konsortium unter Führung von KKR übernommen worden. Die Financial Times bewertet den Deal mit 1,8 Milliarden Euro. Danach musste der Konzern mehrfach seine Schulden neu ordnen. 2026 ging die Kontrolle schließlich an Kreditgeber über. KKR ist deshalb heute nicht mehr der aktuelle Mehrheitsbesitzer, auch wenn der Name in vielen Berichten noch auftaucht.

Die Kreditgeber versuchten, Accell an Dutech Group aus Singapur zu verkaufen. Die geplante Übernahme kam sogar bei Wettbewerbsbehörden in Deutschland und Polen an. Das klingt fast nach fertigem Deal, war es aber nicht. Die Parteien einigten sich am Ende nicht, und Anfang August platzte der Verkauf.

Kurz danach begannen die Insolvenzverfahren. In Deutschland will man die lokalen Firmen nun vom niederländischen Konzern trennen. Das könnte für Ghost, Winora und Haibike sogar die Chance auf einen Neustart mit einem anderen Eigentümer sein.

Winora hat dabei eine erstaunlich lange Geschichte. Die Marke geht auf 1914 zurück, als der Radrennfahrer Engelbert Wiener in Schweinfurt eine Fahrradfirma gründete. Ghost ist mit Waldsassen verbunden. Haibike gehört zum Sennfelder Umfeld. Hinter der Finanzgeschichte stecken also echte regionale Unternehmen und viele Jobs.

In Frankreich kämpft Lapierre um einen ähnlichen Neustart. Die Firma aus Dijon hat gerichtliche Sanierung beantragt. 2025 machte sie 99,1 Millionen Euro Umsatz, aber noch 27,2 Millionen Euro operativen Verlust. Der Verlust war schon deutlich kleiner als im Jahr davor. Der Chef sagt, Lapierre wolle wieder unabhängiger werden.

Auch der Markt erklärt einiges. In Frankreich wurden 2025 sechs Prozent weniger neue Fahrräder verkauft. Reparaturen legten dagegen um 10,5 Prozent zu. Übersetzt in Alltagssprache: Menschen fahren weiter Rad, aber sie kaufen nicht so schnell ein neues. Für Marken mit vollen Lagern ist das ein Problem.

Raleigh bringt noch einen anderen Aspekt hinein. Die britische Marke gibt es seit 1887. Sie wurde in Nottingham gegründet und gehört seit 2012 zu Accell. Produziert wird schon lange nicht mehr in England, aber der Name ist weiterhin sehr bekannt. Genau so ein Brand könnte für einen neuen Käufer interessant sein.

Was heißt das für euch, wenn ihr ein Ghost-, Winora- oder Haibike-Fahrrad habt? Erst einmal nicht automatisch, dass Service oder Ersatzteile morgen verschwinden. Die deutschen Firmen arbeiten weiter. Trotzdem können sich Zuständigkeiten ändern, wenn neue Eigentümer kommen. Bei Garantiefällen sollte man deshalb die offiziellen Angaben des jeweiligen Herstellers und Händlers verfolgen.

Der größere Business-Lernpunkt ist ziemlich simpel: Ein cooles Produkt schützt nicht vor schlechtem Timing. Accell kaufte Wachstum, als Fahrräder boomten, und trug viel Schuldenlast in den Abschwung. Jetzt müssen die Marken beweisen, dass sie ohne den alten Konzern stark genug sind.