Ein russischer Raketenangriff hat in der Nacht das zentrale Lager des deutschen Unternehmens Liqui Moly in der Ukraine zerstört. Nach Angaben der ukrainischen Landesgesellschaft wurden dabei tonnenweise Produkte vernichtet, alle Mitarbeiter blieben jedoch unverletzt. Das Unternehmen mit Sitz in Ulm stellt Schmierstoffe, technische Flüssigkeiten und Additive her, die ausschließlich in Deutschland produziert und in mehr als 150 Länder exportiert werden.

Der Angriff ereignete sich in einer Nacht, in der die russische Armee nach eigenen Angaben der ukrainischen Luftwaffe massiv gegen die Hauptstadt Kiew und umliegende Gebiete vorging. Insgesamt seien 98 Drohnen und 28 Raketen eingesetzt worden, von der ukrainischen Luftabwehr konnten nach offiziellen Angaben nur die Drohnen abgefangen werden. Bei dem Angriff auf die Region Kiew kamen nach Angaben des Rettungsdienstes mindestens 14 Menschen ums Leben, mehr als 27 weitere wurden verletzt. Der Nachrichtendienst „Kyiv Independent“ berichtete unter Berufung auf Behördeninformationen sogar von 15 Toten und 51 Verletzten.

In der Hauptstadt wurden nach Behördenangaben mehrere Lagerhäuser beschädigt. In mindestens sieben Bezirken wurden Schäden gemeldet. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete auf Telegram, dass im Bezirk Holossijiw zwei Verletzte aus den Trümmern eines Lagergebäudes geborgen worden seien. Eine Such- und Rettungsaktion habe zunächst angedauert, da befürchtet werden müsse, dass sich noch weitere Menschen unter den Trümmern befinden. Im Bezirk Obolon seien mehrere Brände ausgebrochen, im Bezirk Desna habe ebenfalls ein Lagerhaus gebrannt. Trümmerteile einer Rakete seien in der Nähe eines Wohngebiets niedergegangen.

Die ukrainische Luftwaffe erklärte nach dem Angriff, man habe keine einzige Rakete abfangen können. Die Luftverteidigung ist nach Angaben der Behörden seit längerem mit einem Mangel an Abwehrraketen konfrontiert. Der russische Angriff auf Kiew und Umgebung war Teil einer Serie von Luftschlägen, die Moskau in den vergangenen Tagen gegen ukrainische Städte und militärische Infrastruktur geführt hat.

Unabhängig davon haben ukrainische Streitkräfte nach Angaben des Gouverneurs der russischen Region Tula, Dmitri Miljajew, bei einem Drohnenangriff ein Logistikzentrum des russischen Onlinehändlers Wildberries in Brand gesetzt. Ein Mensch wurde verletzt. Der russische Marktführer Wildberries bestätigte den Angriff auf Telegram. Die Beschäftigten seien in Sicherheit gebracht worden, die Lieferströme würden umgeleitet. Seit Mitte Juli haben die ukrainischen Streitkräfte nach eigenen Angaben mehr als ein Dutzend Wildberries-Anlagen mit Drohnen angegriffen und zum Teil erheblich beschädigt. Miljajew zufolge wurden zudem zwei Industrieanlagen in der Stadt Nowomoskowsk und im Gebiet Uslowaja sowie zwei Wohnhäuser in einem anderen Teil der Region Tula beschädigt.

In Russland sorgte unterdessen ein Anschlag auf den Chef eines Drohnenherstellers für Aufsehen. Wladimir Tkatschuk, Leiter des Unternehmens Uraldronzavod, wurde bei der Explosion einer Autobombe nahe Jekaterinburg schwer verletzt; sein Fahrer kam ums Leben. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass meldete unter Berufung auf einen Insider bei den Rettungsdiensten, Tkatschuk liege auf der Intensivstation. Der Angriff auf seinen Mercedes ereignete sich Medienberichten zufolge bereits am Dienstag, wurde aber erst einen Tag später bekannt. Tkatschuk stellt sogenannte Vampir-Drohnen her, die von einem Piloten über eine Videobrille mit Echtzeitübertragung gesteuert und von den russischen Streitkräften im Krieg gegen die Ukraine in großem Umfang eingesetzt werden. Es handelt sich um das zweite Attentat auf einen russischen Drohnenentwickler innerhalb einer Woche. Russland macht die Ukraine regelmäßig für derartige Anschläge auf hochrangige Militär- und Rüstungsvertreter verantwortlich. Eine Stellungnahme aus Kiew lag zunächst nicht vor.

Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau außerdem sieben Frachtschiffe mit Drohnen angegriffen, die im ukrainischen Hafen von Mykolajiw gelegen haben sollen beziehungsweise im Schwarzen Meer unterwegs waren. Die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA meldete dies unter Berufung auf das Ministerium. Russland hat solche Angriffe mehrfach damit begründet, dass von diesen Schiffen Waffen an die Ukraine geliefert würden. Die Angriffe auf die Hafeninfrastruktur treffen auch die ukrainische Wirtschaft und den Exportverkehr.