Die Ukraine hat ihre Drohnenangriffe auf russisches Territorium auf den Onlinehandel ausgeweitet. In mehreren Regionen Russlands sind zuletzt Logistikzentren des Marktplatzbetreibers Wildberries getroffen worden, darunter ein Lager in der Region Wladimir, das nach Unternehmensangaben Moskau, Zentralrussland und den Nordwesten des Landes versorgen sollte. Aus den Hallen, in denen zuvor Waschmittel, Kleidung, Smartphones und Tierfutter lagerten, stiegen dichte schwarze Rauchwolken auf.

Bereits vorher waren Anlagen in Elektrostal, Kotowsk, Krasnodar, Rjasan, Pensa, Wolgograd, Sankt Petersburg und im weit von der ukrainischen Grenze entfernten Sarapul Ziel von Attacken. Mitte Juli hat Kiew damit eine neue Phase im Drohnenkrieg gegen Russland eingeleitet. Im Visier stehen nicht mehr nur Raffinerien, Treibstofflager, Rüstungsfabriken oder Militärflugplätze, sondern auch Hallen, in denen zivile Waren neben militärisch nutzbaren Produkten lagern.

Offiziell begründet die Ukraine die Angriffe mit Russlands Kriegslogistik. Präsident Wolodymyr Selenskyj verweist darauf, dass über die Plattform auch Güter angeboten werden, die an der Front eingesetzt werden können: Glasfaserkabel zur Steuerung von Drohnen, elektronische Komponenten, Helme, Schutzwesten und Ausrüstung für Soldaten. Nach den ersten Angriffen verschwanden auf Wildberries zeitweise Suchergebnisse mit direktem Bezug zur sogenannten militärischen Spezialoperation; andere militärisch nutzbare Produkte blieben jedoch erhältlich.

Doch die Strategie Kiews reicht über die militärische Logistik hinaus. Es geht auch darum, den politischen und wirtschaftlichen Preis des Krieges für Russlands Führung zu erhöhen und den Kreml an den Verhandlungstisch zu zwingen. Der Zeitpunkt ist kaum zufällig gewählt: Nur wenige Wochen vor der Duma-Wahl erreicht der Krieg auf diese Weise den Alltag von Millionen Russen.

Wildberries ist weit mehr als ein gewöhnlicher Onlinehändler. Der Konzern betreibt den größten Marktplatz Russlands; rund die Hälfte des gesamten Onlinehandels des Landes läuft über die Plattform. Hunderttausende kleine und mittlere Unternehmen verkaufen dort ihre Waren, Millionen Kunden bestellen täglich Kleidung, Elektrogeräte oder Haushaltsartikel. Zehntausende Ausgabestellen machen das Netz auch in der russischen Provinz präsent, wo der stationäre Handel oft nur ein begrenztes Angebot bereithält. Fällt dieses System aus oder wird es unzuverlässig, ist der Krieg nicht länger abstrakt.

Genau darauf zielt Kiew. Wladimir Putin ist es seit Beginn des Krieges gelungen, die Kampfhandlungen für einen Großteil der russischen Bevölkerung auf Distanz zu halten. Während an der Front gekämpft und gestorben wurde, funktionierte das Leben in Moskau, Sankt Petersburg und anderen Großstädten weitgehend normal: Restaurants waren voll, Einkaufszentren geöffnet, Pakete kamen pünktlich an. Der Kreml verlangt Loyalität und bietet im Gegenzug ein Stück Normalität. Die Angriffe auf Wildberries sollen diese Rechnung durchkreuzen.

Die Attacken sind unter Völkerrechtlern jedoch umstritten. Wildberries verkauft überwiegend zivile Waren; der Anteil unmittelbar für den Krieg bestimmter Produkte dürfte gering sein. Bei den ersten großen Angriffen in Elektrostal und Kotowsk wurden nach Angaben russischer Behörden mehrere Menschen getötet und Dutzende verletzt. Russland selbst greift seit Jahren ukrainische Post- und Logistikunternehmen an und rechtfertigt dies damit, dass über die Firmen Waren für die ukrainische Armee transportiert würden. Kiew übernimmt nun diese Argumentation und wendet sie gegen den Angreifer.

Ökonomisch trifft die Ukraine mit Wildberries zugleich eine Schwachstelle Russlands. Anders als klassische Einzelhändler verkauft der Konzern überwiegend nicht auf eigene Rechnung. Hunderttausende kleinere Firmen lagern ihre Produkte in den riesigen Hallen; Wildberries übernimmt Aufbewahrung, Sortierung, Versand und Rücknahme. Ein zerstörtes Lager trifft damit nicht nur den Betreiber, sondern eine Vielzahl von Händlern und letztlich die Kunden. Die Angriffe folgen damit einer ähnlichen Logik wie die Attacken auf russische Raffinerien: Es geht nicht allein darum, Infrastruktur zu zerstören, sondern auch darum, Knappheit, steigende Preise und Unbehagen weit hinter der Front zu erzeugen.

Ob die Angriffe die militärische Logistik Russlands tatsächlich entscheidend schwächen, lässt sich derzeit nicht absehen. Deutlich ist jedoch, dass sie das zentrale Versprechen des Kremls angreifen: Sicherheit und Normalität für die Bevölkerung. Wenn ausgerechnet der wichtigste Onlinehändler des Landes zum Kriegsschauplatz wird, erreicht Putins Krieg die Warenkörbe der Russen.