Fifa-Präsident Gianni Infantino gerät nach der Weltmeisterschaft in den USA zunehmend unter Druck. Die in der Uefa zusammengeschlossenen europäischen Verbände äußern ihren Unmut nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, sondern protestieren offiziell. Anlass sind umstrittene Entscheidungen während des Turniers sowie der Plan des Weltverbands, künftig Teile der kommerziellen Rechte an seinen Wettbewerben an private Investoren zu verkaufen.

Besonders empörte die Europäer der Fall des US-Stürmers Folarin Balogun. Der Angreifer war im Spiel der Vereinigten Staaten gegen Bosnien-Herzegowina wegen eines groben Fouls vom Platz gestellt worden, was automatisch eine Sperre für das nächste Spiel nach sich zog. US-Präsident Donald Trump rief daraufhin Infantino an und forderte ihn auf, die Entscheidung zu überdenken. Im Oval Office stellte Trump fest, das sei kein Foul gewesen, und offenbarte dabei erhebliche Wissenslücken über die Regeln des Fußballs. Kurz darauf wurde die Sperre rückgängig gemacht, Balogun durfte im nächsten Spiel gegen Belgien auflaufen. Trump bedankte sich anschließend auf seiner Plattform Truth Social beim Fifa-Chef. Die Europäer werteten den Vorgang als Grenzüberschreitung und zogen nach eigenen Angaben rote Linien.

Schon vor dem Balogun-Eklat hatte Infantino mit seiner Nähe zu Trump für Kritik gesorgt. Bei der Auslosung des WM-Spielplans im Dezember 2025 überreichte er dem US-Präsidenten den Fifa-Friedenspreis; die Jury für diese Auszeichnung bestand aus einer einzigen Person, nämlich Infantino selbst. Während des Turniers blieben zudem mehrere Einreisefälle ohne öffentliche Reaktion des Weltverbands. Die US-Regierung verweigerte der iranischen Mannschaft das Visum, obwohl das Team sein Quartier in Arizona aufschlagen wollte. Auch der 34-jährige Somalier Omar Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres, wurde trotz gültigem Visum und Diplomatenpass am Flughafen von Miami elf Stunden lang verhört und wieder zurückgeschickt; die Behörden beriefen sich auf Sicherheitsbedenken. Kritiker werfen Infantino und der Fifa vor, in beiden Fällen geschwiegen und sich dem US-Präsidenten angebiedert zu haben.

Infantino selbst weist die Vorwürfe zurück. Auf seinem persönlichen Instagram-Account warf er seinen Kritikern zuletzt vor, Hass und falsche Gerüchte zu verbreiten, und forderte sie auf, zu reflektieren, zu meditieren, zu beten oder ein Fußballspiel anzuschauen. Öffentlich präsentiert sich der Fifa-Präsident weiterhin als Anwalt der kleineren Verbände, die er gegen die etablierten Fußball-Nationen vertrete.

Tatsächlich beruht Infantinos Macht auf einer besonderen Konstellation. Die Fifa zählt 211 Mitgliedsverbände, jeder hat eine Stimme – ähnlich wie bei den Vereinten Nationen, jedoch ohne Vetorecht der Großmächte. Den größten Block bilden Verbände aus Afrika, Asien und Ozeanien. Infantino erhöhte die Zahl der WM-Teilnehmer auf 48, wodurch auch Mannschaften wie Curaçao oder Jordanien erstmals die Chance auf eine Endrunde erhielten. Die Milliardenerträge des Weltverbands werden gleichmäßig verteilt: Curaçao erhält so viel wie Deutschland. Während acht Millionen Dollar für den kleinen karibischen Verband ein Vermögen sind, gelten sie beim Deutschen Fußball-Bund oder dem englischen Verband als Kleingeld. «Das ist Demokratie», sagt Infantino.

Der eigentliche Konflikt aber dreht sich ums Geld. Nach der WM wollte Infantino die kommerziellen Rechte an den Fifa-Turnieren verkaufen – also Fernsehrechte, Werbeerlöse und Ticketeinnahmen. Der Weltverband plante dafür eine Tochtergesellschaft, die künftig die Vermarktung der Wettbewerbe organisiert. Zwischen 20 und 30 Prozent der Rechte sollten demnach an private Investoren gehen; die Gruppe wurde angeführt von Joshua Kushner, dem Bruder von Trumps Schwiegersohn. Im Gegenzug versprach Infantino den Mitgliedsverbänden höhere Ausschüttungen: statt acht dann 20 Millionen Dollar pro Verband. Für viele Kritiker vermischen sich hier Fußballpolitik und die Geschäftswelt des US-Präsidenten in einem Maße, das die Unabhängigkeit der Fifa infrage stellt.

Kritiker sprechen angesichts der Vorgänge von einem moralischen Bankrott des Weltverbands. Ausgerechnet die Hüterin des fairen und regelbasierten Spiels setze sich über eigene Regeln hinweg und biete sich dem US-Präsidenten an, lautet der Vorwurf. Ob der offene Widerstand aus Europa ausreicht, um den Kurs der Fifa zu ändern, bleibt abzuwarten.