Technologie 5 Min. Lesezeit Von Leonie Vogt
Saber Interactive rät nordamerikanischen Studios, über den eigenen Tellerrand zu blicken
Während die Games-Branche mit Entlassungen, steigenden Kosten und wachsender Konkurrenz kämpft, appelliert Saber Interactive an nordamerikanische Studios, den Blick auf andere Weltregionen zu richten. Die Angst der Publisher vor bestimmten Märkten sei ein Problem.
Die Videospielbranche steckt in einer anhaltenden Krise: Seit 2022 reißen die Entlassungswellen nicht ab, und auch wenn sich das Tempo 2026 verlangsamt haben mag, ist die Härte der Kürzungen unvermindert. Allein im Juli strich Microsoft 1600 Stellen im Rahmen seines großen Umbaus und kündigte an, in den kommenden zwölf Monaten weitere 1600 Mitarbeiter gehen zu lassen. Steigende Schuldenquoten, eine Kostenkrise im Alltag und ein Speichermangel, der die Produktion und das Spielen von Videospielen verteuert, setzen die gesamte Industrie unter Druck. Gleichzeitig dauert die Entwicklung von Spielen länger, kostet mehr und trifft auf eine deutlich größere Konkurrenz als noch vor zwei Jahren.
In diesem Umfeld fällt Saber Interactive auf: Während viele andere Studios und Publisher zu kämpfen haben, scheint der Entwickler vergleichsweise gut dazustehen. Tim Willits, Chief Creative Officer von Saber Interactive, hat nun eine klare Botschaft an die großen nordamerikanischen Studios formuliert. Auf die Frage, was er an der Spitze eines 200-köpfigen Big-Budget-Studios tun würde, sagte Willits, die Publisher hätten Angst vor bestimmten Teilen der Welt. Seine Empfehlung an die nordamerikanischen Studios lautet, den Kopf aus der eigenen Geografie zu nehmen und sich stärker für andere Märkte zu öffnen.
Willits' Aussage fällt in eine Zeit, in der die geografische Ausrichtung der Branche ohnehin unter Beobachtung steht. Während nordamerikanische und europäische Studios mit steigenden Produktionskosten und Personalabbau kämpfen, wachsen die Märkte in Asien, Lateinamerika und Teilen des Nahen Ostens weiter. Publisher, die sich hauptsächlich auf Nordamerika konzentrieren, könnten dadurch Wachstumschancen verpassen. Die Angst vor unbekannten Märkten, so die implizite Kritik, führt zu einer riskanten Verengung des Blicks.
Die aktuelle Lage der Branche macht diese Warnung besonders relevant. Die Entlassungen bei Microsoft sind nur ein Beispiel für einen breiteren Trend. Steigende Zinsen und die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit zwingen viele Unternehmen zu Sparmaßnahmen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Spieler an Grafik, Umfang und Qualität, was die Budgets weiter aufbläht. Ein Speichermangel verteuert zudem die Hardware und die Entwicklung. Unter diesen Bedingungen wird es für Studios immer schwieriger, Risiken einzugehen und neue Märkte zu erschließen. Doch genau das könnte nach Willits' Einschätzung notwendig sein, um langfristig zu überleben.
Saber Interactive selbst hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es auch abseits der klassischen nordamerikanischen Zentren erfolgreich arbeiten kann. Das Unternehmen ist für seine Arbeit an Ports und Remakes bekannt, darunter Titel wie «The Witcher 3» für die Nintendo Switch oder «World War Z». Diese Projekte bedienen ein internationales Publikum und beweisen, dass Spiele nicht nur in Nordamerika und Westeuropa erfolgreich sein müssen. Willits' Rat an die großen Studios ist daher nicht nur eine geografische, sondern auch eine strategische Empfehlung: Wer sich zu sehr auf einen einzigen Markt konzentriert, macht sich anfällig für dessen Schwankungen.
Die Angst der Publisher vor bestimmten Regionen hat auch kulturelle und wirtschaftliche Gründe. Lokalisierung, Marketing und Vertrieb in anderen Ländern erfordern Investitionen und Wissen über lokale Vorlieben. Doch genau diese Investitionen könnten sich auszahlen, wenn der nordamerikanische Markt stagniert. Die wachsende Bedeutung von Mobilspielen in Asien und Lateinamerika zeigt, dass dort ein riesiges Publikum existiert, das von westlichen Studios oft vernachlässigt wird. Willits' Appell ist somit ein Weckruf, die eigene Perspektive zu hinterfragen und die globale Vielfalt der Spielerschaft ernst zu nehmen.
Ob die großen Studios diesen Rat beherzigen werden, bleibt abzuwarten. Die aktuellen wirtschaftlichen Zwänge könnten kurzfristig zu noch mehr Konsolidierung und Sparmaßnahmen führen. Doch wenn die Branche aus der Krise herauswachsen will, könnte der Blick über den eigenen Tellerrand ein entscheidender Faktor sein. Saber Interactive macht vor, dass es auch anders geht.



