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Warum selbst ein Digitalstaat alte Buchhaltungssoftware nicht einfach loswird
In ukrainischen Jobanzeigen tauchen 1C und BAS weiterhin auf – sogar bei Diia und militärischen Buchhaltungsstellen. Das ist weniger ein App-Skandal als ein Beispiel dafür, wie schwer alte Unternehmenssoftware zu ersetzen ist.
Die Ukraine kann digitale Ausweise aufs Smartphone bringen, Drohnen in großer Zahl bauen und Behördengänge in Apps verschieben — und trotzdem taucht in einer Finanz-Stellenanzeige noch 1C/BAS auf. Klingt absurd, ist aber ein ziemlich typisches Tech-Problem: Die sichtbare Digitalisierung ist oft viel schneller als die unsichtbare Software im Hintergrund.
Am 25. Juni suchte das Finanz- und Wirtschaftsteam von Diia einen Ökonomen. In der Ausschreibung wurden sehr gute Kenntnisse von 1C, BAS oder vergleichbaren Programmen erwartet. Wer nur diese Zeile liest, könnte daraus machen: „Die Diia-App läuft auf 1C.“ Das wäre falsch. Die Stelle betrifft Finanzberechnungen, nicht die Entwicklung der App.
Diia hat getrennte Teams für Mobile, DevOps, Systemanalyse, APIs und Security. Ein Finanzteam kann also ältere oder kompatible ERP-Tools nutzen, während die App technisch ganz anders aufgebaut ist. Das passiert auch bei normalen Unternehmen: Die Website ist neu, das Backend fürs Rechnungswesen stammt aus einer anderen Zeit.
Noch deutlicher wird das bei ukrainischen Militärstellen. Die Einheit A5118 suchte im März einen Buchhalter und listete 1C, 1C Accounting und BAS. Die Einheit A4640 verlangte ebenfalls Erfahrung mit 1C/BAS für eine leitende Buchhaltungsrolle. Beim regionalen Rekrutierungszentrum in Kyjiw war Erfahrung mit Programmen wie 1C ein Pluspunkt.
Wichtig: Jobanzeigen sind keine Hacker-Analyse. Sie zeigen nicht, welche Software auf welchem Server läuft oder welche Daten darin gespeichert sind. Sie zeigen aber, welches Wissen Arbeitgeber noch brauchen. Das kann bedeuten, dass ein altes System weiterläuft, dass historische Daten darin liegen oder dass gerade jemand für den Umstieg gebraucht wird.
Warum dauert so ein Umstieg überhaupt? Weil eine ERP-Software das Gedächtnis einer Organisation ist. Da stecken Rechnungen, Löhne, Lieferanten, Lagerbestände, Steuerregeln und oft jahrelange Sonderlösungen drin. Man kann nicht einfach „Uninstall“ drücken und am nächsten Morgen mit einem neuen Tool weitermachen.
In der Ukraine kommt jetzt eine harte rechtliche Ebene dazu. Die Cyberbehörde SSSCIP nennt 1C und BAS ausdrücklich in ihren Erläuterungen zur Liste verbotener Software. Die Einordnung hängt mit dem sanktionierten Rechteinhaber 1C LLC zusammen. Die Behörde sagt aber auch: Die Liste ist ein Sanktionsinstrument, kein Ranking, das jede Version automatisch als technisch gehackt oder unsicher bewertet.
Für bestimmte staatliche Systeme ist die Nutzung trotzdem verboten. Das gilt etwa für Systeme mit staatlichen Informationsressourcen, dienstlichen Daten, Staatsgeheimnissen oder kritischer Infrastruktur. Selbst „läuft nur offline“ ist keine generelle Ausnahme. Wenn ein verbotenes Produkt in einem betroffenen System auftaucht, muss es ersetzt werden und kann Sicherheitsfreigaben gefährden.
Die Liste wächst schnell. Am 17. Juli stieg sie von 1.079 auf 1.341 Positionen. Das ist längst mehr als ein Streit um zwei Markennamen. Behörden und Firmen müssen wissen, welche Software sie überhaupt besitzen, von wem sie stammt und welche versteckten Komponenten dazugehören.
Und jetzt wird der Umstieg sogar gefördert. IT Ukraine und die deutsche GIZ starteten Ende Juli eine zusätzliche Gutscheinrunde für kleine ukrainische Unternehmen, die 1C/BAS durch moderne ERP-Systeme ersetzen. Das zeigt ziemlich deutlich: Migration kostet so viel Zeit und Geld, dass finanzielle Hilfe den Unterschied machen kann.
Die ursprüngliche Behauptung nannte auch Fire Point. Die ukrainische Defense-Tech-Firma ist real und groß, aber MAIR fand in den geprüften öffentlichen Stellenanzeigen keinen unabhängigen Beleg dafür, dass sie 1C oder BAS nutzt. Der Name gehört deshalb nicht in eine Faktenliste, solange ein konkreter Nachweis fehlt.
Was bleibt? Ein guter Reality-Check für Tech-Hype. Digitale Transformation ist nicht fertig, nur weil die App gut aussieht. Der wirklich zähe Teil steckt in den Programmen, die niemand auf TikTok zeigt: Buchhaltung, Lohn, Lager, Beschaffung. Genau dort entscheidet sich, ob ein moderner Staat auch hinter der Oberfläche modern geworden ist.


