Technologie 5 Min. Lesezeit Von Moritz Albrecht
KI und Atomraketen? Was die US-Air-Force wirklich plant
Nein, hier bekommt kein Chatbot den Startknopf. Die Air Force will mit KI rund 60 Wartungs- und Techniksysteme von Minuteman III gemeinsam durchsuchen.
„Die USA setzen KI bei Atomraketen ein“ klingt erst einmal so, als würde ein Algorithmus demnächst über einen Raketenstart entscheiden. Genau das steht in dem neuen Plan der US-Air-Force aber nicht. Gesucht wird ein KI-Werkzeug, das Technikern hilft, Informationen über die alte Minuteman-III-Flotte schneller zu finden.
Das Air Force Nuclear Weapons Center hat eine Request for Information veröffentlicht. Das ist noch keine Bestellung, sondern eine Frage an Unternehmen: Wer könnte so ein System bauen und wie würde es funktionieren?
Das eigentliche Problem ist ziemlich unglamourös. Die wichtigsten Daten zu Minuteman III liegen laut Air Force in ungefähr 60 verschiedenen Systemen. Darunter sind Datenbanken, gemeinsame Netzlaufwerke und lokale Festplatten. Es gibt technische Zeichnungen, Spezifikationen, Wartungsprotokolle, Ersatzteilinformationen, Lieferprognosen und Listen mit bekannten Risiken.
Wenn ein Techniker wissen will, ob ein Bauteil bald ersetzt werden muss, reicht deshalb oft nicht ein Blick in eine Datenbank. Man muss mehrere Quellen durchsuchen und Informationen zusammenbauen. Besonders wichtig sind zwei Fragen: Werden bestimmte Teile knapp oder fallen häufig aus? Und ist ein Bauteil so alt, dass es seine Funktion bald nicht mehr zuverlässig erfüllt?
Genau hier soll die KI helfen. Geplant ist eine gemeinsame Oberfläche, in die Nutzer eine Frage eingeben und anschließend Daten aus mehreren angeschlossenen Quellen bekommen. Das System soll außerdem technische 2D- und 3D-Zeichnungen sowie Funktionsdiagramme anzeigen können.
Die KI darf dabei nicht einfach eine eigene Version der Wahrheit erfinden. In der Leistungsbeschreibung steht ausdrücklich, dass sie nicht die „Authoritative Source of Truth“ sein soll. Die offiziellen Datensätze bleiben in ihren bisherigen Systemen. Das neue Werkzeug soll sie nahezu in Echtzeit abrufen und anzeigen. Dazu kommen automatische Prüfungen, die Fehler oder Abweichungen erkennen sollen.
Die Air Force setzt sich sogar Zahlen als Ziel. Mindestens 95 Prozent der zunächst ausgewählten Datenquellen sollen über das Werkzeug erreichbar sein. Die Suchergebnisse sollen gegenüber den Originaldaten zu 99 Prozent korrekt sein. Außerdem muss sich zeigen lassen, dass die Software tatsächlich Zeit und manuelle Arbeit spart.
Und was ist mit dem Raketenstart? Der gehört nicht zu diesem Projekt. Die RFI nennt keine Funktion für Startbefehle, Zielauswahl oder Command and Control. Die KI soll mit Wartungs-, Ingenieurs- und Versorgungsdaten arbeiten. Offiziell sitzen in den unterirdischen Startkontrollzentren weiterhin jeweils zwei Offiziere. Sie sind über ein separates, besonders abgesichertes Kommunikationsnetz mit der militärischen und politischen Führung verbunden.
Trotzdem ist das kein normales Büroprojekt. Schon in der ersten Phase soll das System mit Controlled Unclassified Information auf Impact Level 5 arbeiten. Später könnten sogar geheime Daten auf IL6 hinzukommen. Dann brauchen Mitarbeiter entsprechende Sicherheitsfreigaben.
Warum ist die Datenlage überhaupt so chaotisch? Minuteman III ist extrem alt. Die Rakete wurde 1970 erstmals stationiert. Heute betreiben die USA noch 400 davon auf drei Stützpunkten in Wyoming, Montana und North Dakota. Viele grundlegende Teile der Infrastruktur sind mehr als 50 Jahre alt, und die Air Force hält das System weiter am Leben, während der Nachfolger Sentinel schrittweise eingeführt wird.
Je länger ein technisches System existiert, desto mehr Dokumente, Reparaturen, Änderungen und Datenbanken sammeln sich an. Eine moderne Suchschicht kann deshalb sehr viel bringen, ohne die Rakete selbst zu verändern.
Ob das Werkzeug wirklich gebaut wird, ist noch offen. Die aktuelle Anfrage dient nur der Markterkundung. Sollte später ein Auftrag folgen, wäre die KI also nicht der neue „Raketenchef“, sondern eher ein sehr gut abgesicherter Assistent für Menschen, die herausfinden müssen, welches Teil wo steckt, wie alt es ist und welche Dokumente dazu gehören.



