Kultur 6 Min. Lesezeit Von Lukas Seifert
«American Werewolf in London» feiert 45. Jubiläum als Oscar-Pionier
Vor 45 Jahren startete «American Werewolf in London» in den Kinos und schrieb Filmgeschichte: Die Horrorkomödie von John Landis führte zur Einführung der Oscar-Kategorie für das beste Make-up.
Vor 45 Jahren feierte ein Film Premiere, der das Horrorgenre nachhaltig verändern sollte: «American Werewolf in London» von Regisseur John Landis. Die Mischung aus Horror und Komödie begeisterte nicht nur das Publikum, sondern sorgte auch für eine filmhistorische Premiere. Der Werwolf-Film war so überzeugend, dass er die Einführung einer völlig neuen Oscar-Kategorie anstieß – die Auszeichnung für das beste Make-up.
Die Geschichte des Films ist heute noch vielen bekannt: Zwei amerikanische Rucksacktouristen, David und Jack, werden in der englischen Provinz von einem Werwolf angegriffen. Während Jack den Biss nicht überlebt, erwacht David wenig später in einem Londoner Krankenhaus – und muss sich nach und nach mit einer grausamen Verwandlung auseinandersetzen. Was folgt, ist eine ebenso blutige wie komödiantische Reise durch die nächtliche Metropole, in der David von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht wird.
Das Besondere an «American Werewolf in London» war die bahnbrechende Arbeit des Maskenbildners Rick Baker. Die Verwandlungsszene, in der sich David erstmals in einen Werwolf verwandelt, gilt bis heute als Meilenstein der Filmgeschichte. Baker nutzte damals neuartige Techniken der Prothetik und des mechanischen Puppenspiels, um den Prozess der Metamorphose so realistisch wie möglich darzustellen. Die Szene dauert mehrere Minuten und zeigt jeden einzelnen Schritt der körperlichen Veränderung – von wachsenden Haaren über sich verlängernde Gliedmaßen bis hin zu einem sich verändernden Gebiss.
Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences war von dieser Leistung so beeindruckt, dass sie 1981 eine neue Kategorie einführte: das beste Make-up. Rick Baker gewann den ersten Oscar in dieser Sparte und setzte damit einen Maßstab, an dem sich seither alle weiteren Filme messen lassen müssen. Die Kategorie existiert bis heute und würdigt jährlich die herausragendsten Leistungen im Bereich des Maskenbilds – ein Erbe, das direkt auf Landis‘ Werk zurückgeht.
John Landis, der zuvor mit Filmen wie «The Blues Brothers» und «Animal House» bereits für Komödien bekannt war, zeigte mit «American Werewolf in London» eine ungewöhnliche Fähigkeit, Genres zu verbinden. Der Film wechselt geschickt zwischen Schockmomenten und humorvollen Dialogen, ohne dabei die Spannung zu verlieren. Diese Balance machte ihn zu einem Vorbild für spätere Horrorkomödien wie «Shaun of the Dead» oder «Zombieland», die ähnliche Stilmittel nutzten.
Die schauspielerischen Leistungen trugen ebenfalls zum Erfolg bei. David Naughton überzeugte in der Hauptrolle als David Kessler, während Griffin Dunne als dessen untoter Freund Jack für die komödiantischen Höhepunkte sorgte. Besonders die Szenen, in denen Jack als zunehmend verfallende Leiche auftaucht und David mit trockenem Humor Ratschläge gibt, sind bis heute Kult. Die britische Schauspielerin Jenny Agutter ergänzte das Ensemble als Krankenschwester Alex, die sich in David verliebt und damit eine romantische Note in den Film bringt.
Die Dreharbeiten selbst waren von einigen Besonderheiten geprägt. Landis drehte an Originalschauplätzen in London und der englischen Grafschaft Yorkshire, was dem Film eine authentische Atmosphäre verlieh. Die berühmte U-Bahn-Szene, in der David sich in einem Kino wiederfindet, wurde in einem echten Londoner Kino gedreht. Die Produktion galt damals als aufwendig, insbesondere wegen der komplexen Make-up-Effekte, die oft mehrere Stunden pro Drehtag in Anspruch nahmen.
Der Film war auch kommerziell erfolgreich. Bei einem Budget von etwa zehn Millionen US-Dollar spielte er weltweit rund 62 Millionen Dollar ein. Diese Zahlen mögen heute bescheiden wirken, doch in den frühen 1980er-Jahren war dies ein beachtlicher Erfolg für einen Genre-Film. Die Kritiken fielen überwiegend positiv aus, und der Film erhielt neben dem Oscar auch mehrere Auszeichnungen bei Genre-Festivals.
Die Wirkung von «American Werewolf in London» reicht jedoch weit über die unmittelbare Zeit nach seinem Erscheinen hinaus. Der Film beeinflusste nicht nur die Darstellung von Werwölfen im Kino, sondern auch die Art und Weise, wie Horrorfilme produziert wurden. Die Kombination aus praktischen Effekten und einer intelligenten Geschichte setzte neue Standards, die viele Filmemacher übernahmen. Auch in der Popkultur hinterließ der Film Spuren: Die Verwandlungsszene wird bis heute in Dokumentationen, Parodien und Hommagen zitiert.
Rick Baker, der mit seinem Oscar Geschichte schrieb, arbeitete später an zahlreichen weiteren bekannten Filmen, darunter «Star Wars», «Men in Black» und «Der Herr der Ringe». Sein Beitrag zu «American Werewolf in London» gilt jedoch als sein Meisterwerk, da er hier Techniken entwickelte, die er in späteren Projekten weiter verfeinerte. Baker zog sich 2015 aus dem Filmgeschäft zurück, sein Einfluss auf das Maskenbild ist jedoch ungebrochen.
Das 45-jährige Jubiläum des Films ist daher nicht nur ein Anlass, einen Klassiker zu feiern, sondern auch ein Moment, um die Bedeutung von handwerklicher Arbeit im Kino zu würdigen. In einer Zeit, in der digitale Effekte dominieren, erinnert «American Werewolf in London» daran, dass praktische Effekte eine eigene Ästhetik und Faszination besitzen. Der Film bleibt ein Beweis dafür, dass Innovation und Kreativität auch ohne Computertechnik möglich sind – und dass ein gut gemachter Werwolf das Kino nachhaltig prägen kann.



