Die Ukraine hat ihre Drohnenangriffe auf die russische Wirtschafts- und Logistikinfrastruktur ausgeweitet. Nach den wiederholten Attacken auf den Online-Versandhändler Wildberries geriet am Freitagmorgen offenbar auch dessen Konkurrent Ozon ins Visier. In Selenodolsk in der Republik Tatarstan schlug eine Drohne nur wenige Meter neben einem Ozon-Warenhaus ein, wie Augenzeugenberichte und Videos auf lokalen Telegramkanälen zeigen.
Auf einem der Videos sind Angestellte des Versandriesen zu sehen, die nach der Evakuierung der Lagerhalle auf einem Parkplatz ausharren. Die Drohne verfehlte das Gebäude demnach knapp und detonierte unmittelbar daneben. Angaben zu Schäden oder Verletzten lagen zunächst nicht vor.
Parallel meldete die russische Region Wolgograd einen weiteren Drohnenangriff. Gouverneur Andrej Botscharow teilte auf Telegram mit, dass eine Energieanlage und mehrere Lagerhallen in Brand geraten seien. Fünf Menschen benötigten medizinische Hilfe. Welche Anlagen genau betroffen sind, ließ er offen; in der Region befindet sich unter anderem eine Ölraffinerie des Konzerns Lukoil.
Die Angriffe treffen Russlands Versand- und Energiebranche, während die ukrainische Wirtschaft unter der russischen Blockade der Schwarzmeerhäfen leidet. Große Eisenerz-Exporteure müssen ihre Förderung vorübergehend einschränken. Viktor Lotous, Chef des Bergbaukombinats Poltawa, kündigte im Parlament einen Stillstand von zehn bis 20 Tagen an. Drei von vier Schiffen mit Eisenerzkonzentrat könnten nicht auslaufen. Eines der Schiffe sei von einer russischen Drohne beschädigt worden, dabei kam ein Matrose ums Leben. Auch das Bergbaukombinat von Krywyj Rih drosselte die Förderung in seinem Tagebau.
Unterdessen wächst die Sorge vor einer weiteren Eskalation mit nordkoreanischer Beteiligung. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland habe bei seinem schweren Luftangriff erstmals seit längerer Zeit wieder eine Rakete aus Nordkorea eingesetzt. Ausgerechnet diese Rakete habe das Wohnhaus einer Großfamilie in Raduschne bei Krywyj Rih getroffen. Nach vorläufigen Angaben wurden sechs Familienmitglieder getötet; in dem völlig zerstörten Haus hatten zehn Menschen gelebt. «Natürlich wird es noch Untersuchungen geben, alles wird überprüft werden, aber nach derzeitigem Stand handelt es sich um eine nordkoreanische ballistische Rakete», sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Er warf Moskau vor, sich mit dem «wahnsinnigen Regime in Nordkorea» zu verbünden, um Waffen und Soldaten zu erhalten.
Russland und Nordkorea haben eine enge militärische Zusammenarbeit vereinbart. Nordkoreanische Soldaten waren 2024 und 2025 im Einsatz, um ukrainische Truppen aus dem westrussischen Gebiet Kursk zu verdrängen. Nach Erkenntnissen der Ukraine und westlicher Geheimdienste hat Pjöngjang zudem ballistische Raketen, Artilleriegeschütze, Raketenwerfer und Munition an Moskau geliefert. Die Ukraine warnt davor, dass Nordkorea erneut 30.000 Soldaten an Russland abgeben könnte.
An der Nato-Ostflanke reagiert Rumänien auf die erhöhte Bedrohungslage. Nach der Entdeckung von Flugkörpern nahe der Grenze zur Ukraine ließ das Nato- und EU-Mitglied zwei Kampfjets aufsteigen. Die Ziele seien im Bereich der Flussgrenze geortet worden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Im grenznahen Bezirk Tulcea wurde die Bevölkerung gewarnt.
In den USA zögert Präsident Donald Trump bei der Frage, ob der Ukraine der Bau von Patriot-Raketen erlaubt werden soll. Der «Financial Times» zufolge sagte Trump in einem Telefonat: «Es ist eine sehr außergewöhnliche Waffe, und wir müssen ein wenig vorsichtig sein, an wen wir Lizenzen vergeben.» Zugleich kündigte er an, dass seine Sondergesandten Jared Kushner und Steve Witkoff in den kommenden Tagen erstmals in die Ukraine reisen werden.
Im Inneren geht der Kreml derweil gegen mutmaßliche Betrugsfälle im Rüstungs- und Technologiesektor vor. Wegen Verdachts auf Betrug beim Drohnenbau hat die russische Justiz den Milliardär Waleri Kustow festgenommen. Wie das Portal RBK berichtet, wurde auch der Generaldirektor seines Lebensmittelkonzerns Efko, Jewgeni Ljaschenko, in Gewahrsam genommen. Die Vorwürfe drehen sich um einen Staatsauftrag zum Bau von Drohnen, die Russland auch in seinem Angriffskrieg einsetzt.
Zudem hat die Finanzaufsichtsbehörde Rosfinmonitoring den Gründer des Messengerdienstes Telegram, Pawel Durow, auf ihre Liste der Terroristen und Extremisten gesetzt – ohne nähere Angaben. Am Vortag hatte der Inlandsgeheimdienst FSB Durow Beihilfe zum Terror vorgeworfen und angekündigt, ihn zur Fahndung ausschreiben zu lassen. Hintergrund sind Vorwürfe, dass Telegram auch von ukrainischen Geheimdiensten genutzt wird. In einem weiteren Schritt kappt Finnland wichtige russische Internetleitungen ins Ausland, auf die Russland für stabile Verbindungen angewiesen ist.



