Der europäische Fußballverband UEFA verschärft den Widerstand gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino und prüft rechtliche Schritte gegen den Schweizer Spitzenfunktionär. Zugleich ist mit Wales der erste Nationalverband vom Lager des Weltverbandschefs abgerückt und hat ihm öffentlich die Unterstützung für eine erneute Kandidatur entzogen.
Nach dem krachend gescheiterten milliardenschweren Investorendeal hat die UEFA den Druck auf den angezählten FIFA-Boss erhöht. In einem Schreiben an Infantino erhebt der europäische Dachverband den schweren Vorwurf, der Schweizer sowie Geschäftspartner könnten Beweise vernichten wollen. Wie die «Financial Times» und der «Telegraph» berichten, fordert die UEFA den Weltverbandspräsidenten auf, sämtliches Material im Zusammenhang mit dem zurückgezogenen Investorenvorhaben zu sichern. Ein entsprechender Appell sei demnach auch an den Technologieinvestor Joshua Kushner gegangen. Der Deutschen Presse-Agentur wurde bestätigt, dass ein Schreiben zur Sicherung von Beweismitteln versandt wurde.
«Die UEFA teilt hiermit förmlich mit, dass sie aktiv die Einleitung rechtlicher Schritte, eines Schiedsverfahrens und/oder Beschwerden bei den zuständigen Aufsichtsbehörden prüft», zitiert der «Telegraph» aus dem Schreiben. Diese bezögen sich auf den von der FIFA vorgeschlagenen FFE-Plan sowie auf alle damit zusammenhängenden Angelegenheiten. Zugleich beschied die UEFA energisch, Infantino und die FIFA seien verpflichtet, unverzüglich alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sämtliche in dem Schreiben bezeichneten Dokumente und elektronisch gespeicherten Informationen zu identifizieren, aufzufinden und zu sichern.
Hintergrund des Konflikts ist ein milliardenschweres Finanzvorhaben, das Infantino auf den Weg gebracht hatte. Der FIFA-Präsident wollte Anteile an den Premium-Produkten des Weltverbandes an private Investoren verkaufen. Geldgeber hätten rund 20 Prozent der Anteile an der neu zu gründenden Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) erwerben können, deren Wert zunächst mit 20 Milliarden Dollar beziffert worden war. Die FFE hätte die kommerziellen Rechte an den FIFA-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie der Klub-WM gebündelt. Der Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit der Tochter von US-Präsident Donald Trump, Ivanka, verheiratet ist, hätte über seine Investmentfirma Thrive eine Schlüsselrolle übernehmen sollen. Der Deal war am massiven Widerstand der Verbände und der Öffentlichkeit gescheitert.
Nun setzen sich die Absetzbewegungen von Infantino fort – zumindest in Europa. Als erster Nationalverband entzog Wales öffentlich seine Unterstützung für die vom FIFA-Boss beabsichtigte Wiederwahl im Jahr 2027. «Die jüngsten Defizite in den Bereichen verantwortungsvoller Verbandsführung, Entscheidungsprozesse, Führung, Werte, Stakeholder-Management, Kommunikation und Urteilsvermögen haben dazu geführt, dass Herr Infantino das Vertrauen des FAW verloren hat, weiterhin an der Spitze des Weltfußballs zu stehen», zitierte Sky News den Walisischen Fußballverband FAW. Der Co-Gastgeber der EM 2028 in Großbritannien und Irland habe dies der FIFA auch schriftlich mitgeteilt. «Das Wohl des Fußballs nicht an erste Stelle zu setzen, ist ein Versagen, das wir nicht akzeptieren können.»
Kurz darauf arbeitete auch England Medienberichten zufolge an einem entsprechenden Brief an die FIFA-Spitze. Der serbische Verband hatte sein Schreiben dagegen bereits fertig. Man sei der Ansicht, dass es «in der gegenwärtigen Situation neues Vertrauen, einen neuen Ansatz und eine neue Führung» brauche, die dazu beitrage, «den Dialog, die Geschlossenheit und die Glaubwürdigkeit der internationalen Fußballinstitutionen wiederherzustellen», teilte der Verband mit.
Bemerkenswert ist der Schritt vor allem deshalb, weil Wales und auch Serbien zu jenen mehr als 200 Nationen gehört hatten, die Infantino rund um die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko schriftlich zugesichert hatten, ihn auf dem 77. FIFA-Kongress am 18. März 2027 in Rabat in Marokko bei seiner Kandidatur zu unterstützen. Deutschland, nur einer der 211 FIFA-Mitgliedsverbände, gehörte damals nicht zu den Unterstützern. Für Infantino, der im kommenden Jahr in Marokko eigentlich die Krönung seiner Wiederwahl hatte feiern wollen, wird die Lage damit zunehmend schwieriger. Ob weitere europäische Verbände dem Beispiel von Wales folgen, dürfte entscheidend dafür sein, ob der Druck auf den FIFA-Präsidenten weiter wächst.



