Tadej Pogacar hat bei der 113. Tour de France ein weiteres Ausrufezeichen gesetzt. Der slowenische Superstar gewann die 19. Etappe, die nach Alpe d'Huez führte, und untermauerte damit seine Vormachtstellung im Gesamtklassement. Mehr als eine halbe Million Zuschauer sorgten an den berühmten 21 Serpentinen für eine ausgelassene Partyatmosphäre und feierten den Mann im Gelben Trikot.
Pogacar zeigte auf den 127,9 Kilometern von Gap nach Alpe d'Huez eine beeindruckende Vorstellung. Bereits 13 Kilometer vor dem Ziel setzte er die entscheidende Attacke und ließ seine Rivalen förmlich stehen. 900 Meter vor dem Ziel schüttelte er auch die letzten Ausreißer ab und sicherte sich seinen fünften Etappensieg bei dieser Tour. Hinter ihm belegten der Franzose Lenny Martinez und der Ecuadorianer Richard Carapaz die Plätze zwei und drei. Die größten Konkurrenten im Kampf um das Gelbe Trikot verloren mehr als zweieinhalb Minuten auf den Spitzenreiter.
Mit diesem Triumph baute Pogacar seine Führung in der Gesamtwertung auf komfortable 7:11 Minuten vor dem Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel aus. Der Mexikaner Isaac del Toro liegt bereits 9:42 Minuten zurück. Damit scheint der dritte Tour-Sieg für den 27-Jährigen nur noch eine Frage der Zeit. Ein Sturz oder eine Erkrankung könnten den Weltmeister allerdings noch stoppen – und genau das bereitet seinem UAE-Team Sorgen.
Im Fahrerlager geht ein Virus um, der mehrere Fahrer in den vergangenen Tagen beeinträchtigt hat. Pogacars Helfer Nils Politt zeigte sich jedoch noch gelassen. „Man hört von vielen Fahrern im Feld, dass sie angeschlagen sind und krank sind“, sagte er. Das UAE-Team habe bereits während der gesamten Rundfahrt Einzelzimmer für seine Profis reserviert, um Ansteckungen zu vermeiden. „Wir versuchen uns zu separieren“, so Politt. Am Abend vor der Etappe hätten diejenigen mit Beschwerden auf dem Zimmer gegessen.
Die 19. Etappe war ein Spektakel der Extraklasse. Tausende Radsport-Fans hatten bereits die Nacht in Zelten und Wohnwagen an den Hängen von Alpe d'Huez verbracht, um einen guten Platz zu ergattern. Als die Fahrer den 13,8 Kilometer langen Schlussanstieg mit einer durchschnittlichen Steigung von 8,1 Prozent in Angriff nahmen, bot ihnen das Spalier der Zuschauermassen nur noch eine schmale Gasse. Die Stimmung glich einer riesigen Open-Air-Party.
Pogacar hatte bereits im Vorfeld prophezeit: „Dieses Jahr wird es ikonisch sein, weil wir zweimal dort hochfahren.“ Und er sollte recht behalten. Die Ausreißergruppe, die mit mehr als drei Minuten Vorsprung in den Schlussanstieg gegangen war, hatte bei dem höllischen Tempo des Slowenen keine Chance. Evenepoel setzte im Kampf um Platz zwei einen kleinen Nadelstich, als er sich von seinen Verfolgern lösen und einige Sekunden herausfahren konnte.
Für Pogacar war es der 26. Etappensieg seiner Tour-Karriere. Damit steht er in der ewigen Bestenliste nur noch hinter Ex-Sprintstar Mark Cavendish (35 Siege) sowie den beiden Fünffach-Toursiegern Eddy Merckx (34) und Bernard Hinault (28). Sollte Pogacar sein Tempo beibehalten, könnte der Rekord bereits in zwei Jahren fallen.
Bereits am Samstag winkt dem Ausnahmekönner der nächste Triumph, wenn die Königsetappe der Tour erneut in Alpe d'Huez endet. Dieses Mal wird der Skiort jedoch über den Col de Sarenne angesteuert, einen Abschnitt ohne Zuschauer. Insgesamt warten auf die Fahrer 5.450 Höhenmeter und drei Berge der höchsten Kategorie. Pogacar geht als haushoher Favorit in diese Etappe – und die Konkurrenz kann nur noch auf einen Ausrutscher des Dominators hoffen.



