Die private Altersvorsorge in Deutschland soll künftig stärker auf den Kapitalmarkt gestützt werden. ING-Deutschland-Chef Lars Stoy sieht in der geplanten Frühstartrente dafür einen wichtigen Anstoß, aber keinen Endpunkt. Der Banker, der das Thema Altersvorsorge im Vorstand des Bundesverbandes deutscher Banken federführend betreut, hofft, dass auf diesem Weg mehr Sparer zu Anlegern werden.
«Ich glaube, dass wir als Land eine Finanzbildungsstrategie entwickeln und umsetzen sollten», sagte Stoy der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. Es gebe viele lobenswerte Initiativen, für den nötigen Schub brauche es aber eine konzertierte Aktion. «Wir müssen dahin kommen, dass Schülerinnen und Schüler nach ihrem Abschluss auch über finanzielle Fragestellungen aufgeklärt sind», forderte er. In den vergangenen Jahren habe bei Jüngeren die Bereitschaft, am Kapitalmarkt zu investieren, deutlich zugenommen. Die neuen Angebote zur privaten Altersvorsorge träfen genau diesen Trend.
Die Bundesregierung plant, dass künftig jedes Kind vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro vom Staat in ein individuelles, kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot erhält. Den Auftakt macht der Geburtsjahrgang 2020: Kinder, die 2026 sechs Jahre alt geworden sind oder noch werden, sollen rückwirkend zum 1. Januar 2026 gefördert werden. Ab 2027 soll jeweils der Jahrgang der dann Sechsjährigen dazukommen. Der Start des neuen Förderinstruments ist für 2027 vorgesehen.
Stoy hofft, dass die Regierung zusätzliche Haushaltsmittel findet, um weitere Jahrgänge in die staatliche Förderung einzubeziehen. Zwar verstehe jeder, dass der Staat nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung habe. «Aber das wäre schon ein Unikum, wenn man so viele Jahrgänge ausschließt», sagte er. Die Frühstartrente dürfe nicht der letzte Schritt bleiben, um die Alterssicherung stärker über den Kapitalmarkt zu finanzieren.
Insgesamt sei das Altersvorsorgedepot eine große Chance, betonte Stoy. Es werde allerdings Zeit brauchen, bis sich der Kapitalstock aufgebaut habe. «Das Beste, was dem Land in Sachen Altersvorsorge passieren könnte, ist, dass sich eine Bewegung in Gang setzt.» Vielen fehle es nicht an der Einsicht, etwas für das Alter tun zu müssen. «In Deutschland tun wir uns nur manchmal schwer, ins Handeln zu kommen.» Viele Bundesbürger scheuten weiterhin das Investment an der Börse.
Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Eltern, Paten und Großeltern zusätzlich bis zu 6.840 Euro pro Jahr in das Altersvorsorgedepot einzahlen können. Über die gesamte Laufzeit können auf diese Weise sechsstellige Summen zusammenkommen. Das geförderte Kapital soll allerdings erst nach Vollendung des 65. Lebensjahres ausgezahlt werden.
Der Sozialverband SoVD betrachtet die stärkere Ausrichtung auf ein kapitalgedecktes System dagegen mit Skepsis. «Dass dies wiederum der ING-Chef begrüßt, verwundert uns kaum. Es zeigt ganz klar, dass es bei der Frühstartrente nicht erneut passieren darf, dass am Ende vor allem die Versicherungswirtschaft profitiert – wie es bei der Riester-Rente vielfach der Fall war», sagte Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. Entscheidend sei, die Verwaltungskosten etwa durch ein öffentlich organisiertes Standardprodukt so niedrig wie möglich zu halten.
Die Banken stellen sich derweil auf das Vorhaben ein. Stoy sagte, sein Haus arbeite mit Hochdruck an einem preislich attraktiven Angebot, das sich im Wettbewerb gut positionieren solle. Eine dedizierte Beratung werde die ING dafür nicht anbieten: Das Produkt sei so einfach erfassbar, dass eine Selbstbedienung möglich sein werde.
Bis zum geplanten Start 2027 muss die Politik allerdings noch offene Details festzurren. Stoy hofft auf baldige Klarheit. «Je schneller alle Details zum Gesetz bekannt sind, umso besser für die Anbieter. Wenn das viel später als Oktober kommt, wird es schwierig: So agil können sie gar nicht sein, dass sie die neuen Produkte dann auch noch in die IT implementieren.»



