Die Bundesregierung treibt die Diversifizierung ihrer Energiebezüge voran und setzt dabei verstärkt auf Aserbaidschan. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) führte nach Angaben aus Regierungskreisen Gespräche mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew über eine deutliche Erhöhung der Öl- und Gasimporte aus dem Kaukasusstaat. Die derzeitigen Lieferungen decken lediglich einen Bruchteil des deutschen Verbrauchs, wie aus dem Umfeld des Treffens verlautete.

Die Initiative ist Teil einer breiter angelegten Strategie Berlins, die Abhängigkeit von einzelnen Energielieferanten zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu stärken. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der daraus resultierenden Energiekrise hat Deutschland seine Bezugsquellen für fossile Brennstoffe neu ausgerichtet. Aserbaidschan, das über bedeutende Erdgas- und Erdölreserven verfügt, rückt dabei zunehmend in den Fokus.

Konkret geht es um eine Ausweitung der Gaslieferungen über die bestehende Infrastruktur. Aserbaidschan exportiert bereits Erdgas über die Transanatolische Pipeline (TANAP) und die Transadriatische Pipeline (TAP) nach Europa. Diese Routen könnten für höhere Volumina genutzt werden. Die Gespräche zwischen Merz und Alijew drehten sich daher auch um technische Kapazitäten und langfristige Lieferverträge, die über die aktuellen, vergleichsweise geringen Mengen hinausgehen.

Neben Erdgas steht auch Rohöl auf der Agenda. Aserbaidschan ist ein traditioneller Ölproduzent, der bereits heute einen Teil seiner Förderung nach Europa exportiert. Eine Steigerung der Ölimporte würde es Deutschland ermöglichen, weitere Bezugsquellen im Nahen Osten oder in Afrika zu substituieren und die strategische Reserve zu diversifizieren. Die genauen Volumina, die in den Verhandlungen genannt wurden, sind nicht öffentlich bekannt, doch beide Seiten signalisierten grundsätzliches Interesse an einer Vertiefung der Energiepartnerschaft.

Die politische Dimension des Treffens ist nicht zu unterschätzen. Aserbaidschan gilt unter Präsident Alijew als autoritär regierter Staat, was in der deutschen Außenpolitik traditionell für Zurückhaltung sorgt. Die Energiekooperation wird jedoch zunehmend als pragmatische Notwendigkeit betrachtet, um die wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Menschenrechtsorganisationen haben wiederholt Kritik an der Menschenrechtslage in Aserbaidschan geübt, doch die Bundesregierung stellt die Energieversorgungssicherheit in den aktuellen geopolitischen Spannungen in den Vordergrund.

Wirtschaftsexperten bewerten die Pläne als strategisch sinnvoll, weisen aber auf die begrenzten Kapazitäten hin. Aserbaidschan fördert derzeit etwa 35 bis 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr, wovon ein erheblicher Teil für den heimischen Markt und für Verträge mit der Türkei und anderen Nachbarländern reserviert ist. Die für Europa verfügbare Menge ist daher nicht unbegrenzt. Dennoch könnte eine Steigerung der Lieferungen nach Deutschland einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des europäischen Gasmarktes leisten.

Die Gespräche zwischen Merz und Alijew sind Teil einer Reihe von diplomatischen Initiativen, die Berlin in den vergangenen Monaten gestartet hat, um neue Energiepartnerschaften zu schließen. Neben Aserbaidschan stehen auch Länder wie Katar, die USA und Norwegen im Fokus. Die Bundesregierung verfolgt dabei das Ziel, bis zum Ende des Jahrzehnts eine vollständige Unabhängigkeit von russischen Energieimporten zu erreichen. Die Gespräche mit Baku sind ein weiterer Schritt auf diesem Weg, auch wenn die konkreten Ergebnisse noch in Verhandlungen ausgearbeitet werden müssen.