Die Bundesregierung will ihre Energiebezüge aus Aserbaidschan deutlich ausweiten. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte nach einem Treffen mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew in Berlin, man habe die Möglichkeiten für zusätzliche Importe von Erdgas und Erdöl eingehend erörtert. Aserbaidschan zähle zu den wenigen Ländern in der Region, die einen Energieüberschuss aufweisen, und sei daher ein besonders interessanter Partner für Deutschland.

Die Gespräche in Berlin sind Teil einer umfassenderen Strategie der Bundesregierung, die Energieversorgung des Landes zu diversifizieren und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu verringern. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen und der unsicheren Lage auf den globalen Energiemärkten sucht Deutschland verstärkt nach neuen und zuverlässigen Quellen für fossile Brennstoffe. Aserbaidschan, das über bedeutende Erdgas- und Erdölreserven verfügt, bietet sich dabei als strategischer Partner an.

Bereits in der Vergangenheit hat Deutschland kleinere Mengen an Erdgas aus Aserbaidschan bezogen, vor allem über die Transanatolische Pipeline (TANAP) und die Transadriatische Pipeline (TAP), die Teil des südlichen Gaskorridors sind. Nun sollen die Lieferungen offenbar signifikant erhöht werden. Konkrete Zahlen oder Zeitpläne für die geplanten Mehrexporte wurden bei dem Treffen in Berlin jedoch nicht genannt. Beobachter gehen davon aus, dass zunächst die technischen und vertraglichen Voraussetzungen für eine Ausweitung der Lieferungen geschaffen werden müssen.

Die Initiative der Bundesregierung ist auch vor dem Hintergrund der Bemühungen der Europäischen Union zu sehen, ihre Energieabhängigkeit von Russland zu reduzieren. Aserbaidschan hat sich in den vergangenen Jahren als wichtiger Energielieferant für Europa positioniert und bereits mehrere Abkommen mit EU-Mitgliedstaaten geschlossen. Das Land fördert nach eigenen Angaben jährlich rund 35 Milliarden Kubikmeter Erdgas, von denen ein wachsender Teil in Richtung Europa exportiert wird.

Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass Aserbaidschan trotz seiner Energieressourcen ein autoritär geführtes Land ist, in dem Menschenrechte und Pressefreiheit eingeschränkt werden. Präsident Alijew regiert das Land seit 2003 mit harter Hand, Oppositionelle und unabhängige Journalisten werden systematisch unterdrückt. Die Bundesregierung steht daher vor der Herausforderung, wirtschaftliche und energiepolitische Interessen mit ihren außenpolitischen Werten in Einklang zu bringen.

Neben den Energieimporten wurden bei dem Treffen in Berlin auch andere Themen der bilateralen Zusammenarbeit erörtert. Dazu zählen unter anderem Wirtschaftsbeziehungen, Investitionen und die Lage im Südkaukasus. Deutschland und die EU engagieren sich seit Jahren in dem Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Bergkarabach, der 2023 mit einer militärischen Offensive Aserbaidschans und der Flucht der armenischen Bevölkerung endete. Die Bundesregierung drängt auf eine friedliche Lösung und die Achtung der territorialen Integrität beider Länder.

Die verstärkte Zusammenarbeit mit Aserbaidschan im Energiebereich ist Teil einer breiteren Neuausrichtung der deutschen Außen- und Wirtschaftspolitik. Parallel dazu sucht die Bundesregierung auch in Afrika und anderen Regionen nach neuen Partnern für Rohstoff- und Energieversorgung. So reiste kürzlich der deutsche Außenminister Johann Wadephul nach Mauretanien, Nigeria und Südafrika, um dort über Rohstoffpartnerschaften und wirtschaftliche Kooperation zu sprechen. Nigeria ist als größter Ölproduzent Afrikas ein wichtiger potenzieller Lieferant, während Mauretanien vor allem bei erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff große Potenziale bietet.

Die Bundesregierung betont, dass die Diversifizierung der Energiebezüge nicht nur die Versorgungssicherheit erhöht, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stärkt. Angesichts der hohen Energiepreise und der Unsicherheiten auf den Weltmärkten sei es notwendig, mehrere Bezugsquellen zu erschließen. Aserbaidschan könne dabei eine wichtige Rolle spielen, sofern die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen.

Ob die geplanten Mehrexporte tatsächlich realisiert werden können, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die technische Infrastruktur, die langfristigen Verträge und die politische Stabilität in der Region. Experten weisen darauf hin, dass die bestehenden Pipelines Kapazitätsgrenzen haben und möglicherweise ausgebaut werden müssten, um größere Mengen nach Europa zu transportieren. Auch die Preisfrage dürfte eine Rolle spielen, da aserbaidschanisches Gas nicht unbedingt günstiger ist als Gas aus anderen Quellen.

Die Gespräche in Berlin sind ein erster Schritt, die konkrete Umsetzung wird sich über Monate oder Jahre hinziehen. Die Bundesregierung zeigt jedoch deutlich, dass sie bereit ist, neue Wege in der Energiepolitik zu gehen und auch mit politisch schwierigen Partnern zusammenzuarbeiten, wenn dies der Versorgungssicherheit dient.