Die Chefin der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, hat dem Management ihres Konzerns vorgeworfen, Verantwortung systematisch zu umgehen. Sie sehe eine «organisierte Verantwortungslosigkeit» im Bahn-Management, erklärte Palla am Freitagabend. Das Unternehmen stecke nach ihrer Einschätzung in der schlimmsten Krise seiner Geschichte. Damit macht die Konzernchefin zugleich deutlich, wer aus ihrer Sicht einen erheblichen Teil der Verantwortung für die Lage trägt.

Zugverspätungen bleiben weiterhin das große Problem der Deutschen Bahn, doch aus Sicht Pallas ist das längst nicht alles. Die Misere gehe weit über einzelne unpünktliche Züge hinaus und betreffe die Arbeit des gesamten Konzerns. Ein wesentlicher Teil der Verantwortung liege aus ihrer Sicht im Management selbst. Die Chefin richtet ihren Appell damit ausdrücklich an die Führungsebene, nicht nur an Politik oder Infrastrukturbedingungen.

Mit dem Begriff «organisierte Verantwortungslosigkeit» wählt Palla eine ungewöhnlich harte Formulierung. Sie richtet sich gegen eine Führungskultur, in der Zuständigkeiten so zersplittert sind, dass im Zweifel niemand für Missstände einstehen muss. Gerade bei den seit langem beklagten Verspätungen zeige sich, wie schwer es dem Konzern falle, klare Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen konsequent umzusetzen. Die Kritik ist als Vorwurf an das eigene Haus zu verstehen, nicht als Erklärung für äußere Zwänge.

Das Ausmaß der Krise ist nach den Worten der Bahn-Chefin erheblich. Die Bahn stecke in der schlimmsten Krise ihrer Geschichte, sagte Palla. Das gelte nicht nur für die Pünktlichkeit, sondern auch für die allgemeine Verfassung des Konzerns. Aus ihrer Sicht reicht es nicht aus, einzelne Symptome zu bekämpfen, solange die internen Strukturen keine klare Verantwortlichkeit zulassen. Sie richtet den Blick damit nach innen und stellt die Führungskultur des Unternehmens infrage.

Mit ihrer Kritik stellt sich Palla gegen Teile der eigenen Führungsriege. Der Vorwurf zielt darauf, dass das Management die Ursachen nicht länger nur bei äußeren Umständen sucht. Die Aussagen fallen in eine Phase, in der die Deutsche Bahn wegen der vielen Verspätungen ohnehin stark unter Druck steht. Für die Fahrgäste sind die Folgen der Krise unmittelbar spürbar, auch wenn die Ursachen aus Sicht der Konzernchefin deutlich tiefer liegen als im Fahrplan.

Palla zufolge wäre es zu kurz gegriffen, das Problem allein auf den Zugverkehr zu reduzieren. Die Krise sei tief in der Organisation verankert und beschränke sich nicht auf einzelne Züge oder Strecken. Vielmehr gehe es um die grundsätzliche Frage, wie der Konzern geführt wird und wer für Fehlentwicklungen geradesteht. Verspätungen seien dabei nur das sichtbarste Zeichen eines größeren strukturellen Problems.

Wie die Bahn aus dieser Lage herausfinden will, hat Palla vorerst nicht im Detail ausgeführt. Ihre Botschaft ist dennoch eindeutig: Die Verantwortung für die Zukunft der Deutschen Bahn beginnt nach ihrer Überzeugung im eigenen Haus. Bevor sich an den Gleisen etwas ändert, müsse sich im Führungshandeln etwas ändern. Diesen Anspruch richtet die Bahn-Chefin ausdrücklich an das Management und an alle, die dort Entscheidungen treffen.