Die Ukraine hat in den vergangenen Tagen mehrfach Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers Wildberries mit Drohnen angegriffen. Kiew begründet die Angriffe damit, dass über die Lagerhäuser Güter transportiert oder verkauft würden, die auch dem russischen Militär zugutekämen – von Drohnen bis zu Ausrüstung für Soldaten. Damit hat der Krieg eines der erfolgreichsten Privatunternehmen Russlands erreicht.
Hinter Wildberries steht Tatjana Kim, die bis zu ihrer Scheidung Tatjana Bakaltschuk hieß. Die 50-Jährige gilt als die reichste Frau Russlands. Sie gründete den Konzern vor mehr als 20 Jahren aus ihrer Wohnung heraus und schuf das russische Gegenstück zu Amazon. Ihre Geschichte erzählt jedoch nicht nur von unternehmerischem Erfolg, sondern auch von einem Machtkampf, in den Oligarchen, der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow und schließlich der Kreml hineingezogen wurden.
Kim wurde 1975 nahe Moskau geboren, ihre Familie gehört zur koreanischen Minderheit der Korjo-Saram. Sie studierte Englisch und arbeitete als Lehrerin. Die erste Geschäftsidee entstand während der Elternzeit im Jahr 2004. Damals suchte sie nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Russland befand sich im wirtschaftlichen Aufbruch, viele Menschen wollten westliche Marken kaufen, doch der Onlinehandel steckte noch in den Kinderschuhen. Kim begann, Kleidung aus den deutschen Versandkatalogen von Otto und Quelle zu bestellen und weiterzuverkaufen. Die Bestellungen wurden in ihrer Wohnung verpackt. Ihr Mann Wladislaw Bakaltschuk, ein IT-Unternehmer, stieg wenig später ein.
Innerhalb weniger Jahre entstand der größte Onlinehändler Russlands. Der Name Wildberries sollte bewusst international klingen und nicht auf eine bestimmte Produktgruppe festgelegt sein. Das Konzept war einfach, aber neu: Kunden mussten nicht in Vorkasse gehen, konnten Bestellungen anprobieren und unpassende Ware problemlos zurückgeben. Während Konkurrenten auf klassische Paketlieferungen setzten, eröffnete Kim Tausende Abholstationen im ganzen Land, an denen Kunden Kleidung direkt anprobieren und Retouren sofort abgeben konnten. Gerade außerhalb der Metropolen verschaffte dies einen entscheidenden Vorsprung. Zum Sortiment kamen Elektronik, Kosmetik, Haushaltsgeräte und Lebensmittel hinzu. Heute nutzen Millionen Russen die Plattform, deren violettes Logo in nahezu jeder Stadt zu finden ist. Wildberries expandierte nach Belarus, Kasachstan, Armenien und in weitere Länder der Region.
Kim blieb eine ungewöhnliche Figur in der russischen Geschäftswelt. Während viele Oligarchen mit Yachten und Luxusautos auffielen, trat sie meist in Jeans und Turnschuhen auf. Sie gab selten Interviews und pflegte das Bild der bodenständigen Unternehmerin und Mutter. Gemeinsam mit Bakaltschuk bekam sie sieben Kinder. Lange galt Wildberries als Paradebeispiel eines erfolgreichen russischen Familienunternehmens. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs jedoch auch die politische Bedeutung des Konzerns. Wildberries war nicht mehr nur ein Versandhändler, sondern eine Plattform, auf der Millionen Russen ihre Einkäufe bezahlten und Hunderttausende Händler ihre Produkte verkauften.
Die Verbindungen in den Machtapparat wurden spätestens nach der Annexion der Krim 2014 deutlich. Der Kreml drängte russische Unternehmen, sich von westlichen Finanzdienstleistern unabhängig zu machen. Wildberries gehörte zu den ersten großen Händlern, die Kunden Rabatte gewährten, wenn sie mit dem staatlichen Bezahlsystem Mir statt mit Visa oder Mastercard zahlten. Damit unterstützte der Konzern politische Ziele des Kremls, blieb aber lange außenpolitisch neutral.
Das änderte sich Anfang 2024 schlagartig. Im Januar brannte eines der größten Wildberries-Lager südlich von Sankt Petersburg nieder. Russische Behörden leiteten umfangreiche Untersuchungen ein; Exilmedien berichteten über ein zunehmendes Interesse der Sicherheitsbehörden an dem Konzern. Kurz darauf kündigte Wildberries eine Fusion mit Russ Outdoor an, einem Unternehmen, das früher News Outdoor hieß und zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehörte und den russischen Außenwerbemarkt dominierte. Die Fusion deutet auf eine tiefere Verflechtung mit dem Staat hin. Die aktuellen Drohnenangriffe zeigen, dass das Unternehmen nun auch direkt zum Ziel des Krieges geworden ist.
Die Entwicklung von Wildberries unter Tatjana Kim ist ein Beispiel für den Aufstieg eines Tech-Unternehmens im Schatten des Kremls und des Ukraine-Kriegs. Die Angriffe auf die Logistikzentren könnten das Geschäftsmodell weiter belasten, während der innerrussische Machtkampf um das Unternehmen noch nicht abgeschlossen scheint.



