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Was VK aus deiner Like-Reihenfolge über dich lernt
VK will nicht nur wissen, was du einmal angeklickt hast, sondern wie sich deine Interessen über Tage und mehrere Apps verändern. Das macht Empfehlungen smarter – und digitale Spuren in Russland deutlich aussagekräftiger.
Ein Like sagt fast nichts. Vielleicht war der Post witzig, vielleicht hast du dich verklickt, vielleicht hat dir jemand das Video geschickt. Eine ganze Reihe von Likes, Aufrufen und Kommentaren erzählt dagegen eine Geschichte. Genau darauf zielt das neue „Neuroprofil“ von VK.
Das Modell soll Verhalten in VKontakte, VK Video und VK Clips zusammen betrachten. Es schaut also nicht nur auf „mag Person X Gaming“, sondern eher darauf, ob Gaming-Inhalte über mehrere Tage immer wieder auftauchen, welche Videos länger laufen, was kommentiert wird und wann das Interesse wieder verschwindet.
Für die App ist das praktisch. Wenn du zwei Wochen lang plötzlich Kochvideos schaust, soll der Algorithmus schneller merken, dass das kein Zufall ist. Wenn du danach komplett auf Musik- oder Reisecontent umsteigst, soll sich die Empfehlung ebenfalls schneller ändern.
VK baut dafür seit längerem eine gemeinsame Technik. Die Discovery-Plattform verbindet Suche und Empfehlungen in verschiedenen Diensten. Im Juli 2026 stellte VK Discovery AI vor und erklärte, dass Interessen aus mehreren Produkten berücksichtigt werden können. Das Unternehmen hat außerdem Modelle beschrieben, die Reaktionen vorhersagen und aus dem Verhalten ein Zuschauerprofil bauen.
In den Unterlagen zum neuen Neuroprofil stehen drei auffällige Zahlen: 15 Prozent mehr Shares, 10 Prozent mehr Vollbild-Öffnungen und 5 Prozent mehr Likes. Das sind von VK angegebene Rollout-Werte, keine unabhängige Messung.
Bis hierhin klingt die Sache nach typischem Social-Media-Algorithmus. Der russische Kontext macht sie deutlich ernster.
Russische Gesetze verpflichten bestimmte Internetdienste dazu, Daten über Nutzer und elektronische Kommunikation zu speichern. Seit Anfang 2026 gilt für bestimmte Metadaten und Nutzeraktionen eine Frist von drei Jahren. Dazu kommt SORM, das technische Überwachungssystem des russischen Staates.
Eine EU-Verordnung von 2026 beschreibt SORM als System, das Telefonate, Internetnutzung, Nachrichten und soziale Netzwerke überwachen kann. Der FSB kann demnach auf kopierten Datenverkehr zugreifen. Die Verordnung nennt auch Standort- und Verhaltensdaten.
Wichtig: Das bedeutet nicht automatisch, dass der FSB das fertige „Neuroprofil“ von VK bekommt. Dafür gibt es in den öffentlich zugänglichen Unterlagen keinen Beleg. Ein interner Algorithmus ist etwas anderes als gespeicherte Kommunikationsdaten.
Trotzdem ist die Richtung interessant. Früher konnte man sagen: „Ich poste ja nichts Privates.“ Heute kann ein System auch dann viel lernen, wenn du selbst kaum etwas veröffentlichst. Deine Reihenfolge von Aufrufen, deine Wiederholungen und deine Reaktionen können zeigen, welche Themen dich über längere Zeit beschäftigen.
Wie aussagekräftig Social-Media-Daten sein können, zeigte 2024 eine Studie in Scientific Reports. Forschende nutzten Daten von 1.358 VK-Nutzern, die ausdrücklich zugestimmt hatten, und versuchten daraus Persönlichkeitsmerkmale und kognitive Eigenschaften abzuleiten. Das war Forschung mit Einwilligung und hat nichts mit dem VK-Neuroprofil oder dem FSB zu tun. Aber es zeigt, warum digitale Verhaltensspuren mehr sind als harmlose Klicklisten.
Das Spannende und gleichzeitig Unangenehme ist, dass dieselbe Technik zwei Seiten hat. Für dich kann sie den Feed besser machen. Für eine Werbeplattform kann sie Kaufabsichten genauer erkennen. Und in einem Staat mit weitreichender digitaler Überwachung kann ein dichteres Verhaltensmuster besonders sensibel werden.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, ob du einen bestimmten Post likest. Es ist, dass moderne Plattformen immer besser darin werden, aus vielen kleinen Aktionen eine stabile Version von „dir“ zu berechnen. Bei VK passiert das jetzt in einer digitalen Umgebung, in der staatlicher Zugriff auf Kommunikationsdaten ohnehin eine große Rolle spielt.


