Bei russischen Luftangriffen sind in der Ukraine nach offiziellen Angaben mindestens 22 Menschen ums Leben gekommen. Die Angriffe erfolgten kurz vor dem NATO-Gipfel in Ankara und richteten sich unter anderem gegen die Hauptstadt Kiew. Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte die Gelegenheit, um eindringlich an die Bündnispartner zu appellieren, die Luftabwehr der Ukraine deutlich zu verstärken.
Allein in Kiew starben nach Angaben der Militärverwaltung mindestens 15 Menschen, mehr als 60 weitere wurden verletzt. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von schweren Zerstörungen, insbesondere in den oberen Etagen eines sechsstöckigen Wohnblocks. „Unter den Trümmern können Leute sein“, sagte er in einem Video, das vor dem teilweise eingestürzten Gebäude aufgenommen wurde. Insgesamt trugen rund 30 Wohnhäuser in verschiedenen Stadtteilen Schäden davon. Die Such- und Rettungsarbeiten laufen noch.
Die ukrainische Führung geht davon aus, dass die Opferzahlen weiter steigen könnten. Die Angriffe aus der Luft trafen nicht nur Wohngebiete, sondern auch zivile Infrastruktur. Die Militärverwaltung von Kiew sprach von einem der schwersten Angriffe seit Wochen. Die genauen Ziele der russischen Raketen und Drohnen waren zunächst nicht unabhängig zu überprüfen, doch die Bilder aus den betroffenen Stadtteilen zeigen erhebliche Verwüstung.
Parallel zu den russischen Angriffen weitete die Ukraine ihrerseits die Angriffe auf russisches Territorium aus. Nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin wurden in der Nacht zum Dienstag mehr als 400 Drohnen aus der Ukraine in Richtung der russischen Hauptstadt gestartet. Die meisten seien von der Luftabwehr bereits in großer Entfernung neutralisiert worden, 36 Drohnen seien beim Anflug auf Moskau zerstört worden. Schäden meldete Sobjanin nicht, jedoch waren die Flughäfen der Hauptstadt stundenlang gesperrt.
Das russische Verteidigungsministerium gab an, insgesamt 452 unbemannte Flugobjekte über 17 Regionen abgefangen zu haben. Schäden wurden unter anderem aus der grenznahen Region Belgorod und dem Industriegebiet Kaluga südwestlich von Moskau gemeldet. In Belgorod geriet eine zu Gazprom gehörende Röhrenfabrik in Brand. Der amtierende Gouverneur Alexander Schuschajew sprach von einem Raketenangriff, bei dem ein Feuer in einem nicht näher benannten Infrastrukturobjekt ausgebrochen sei. Ein Mensch kam dabei ums Leben. Die Angaben beider Seiten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Die jüngsten Entwicklungen fallen in eine Phase erhöhter Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Großbritannien verhängte am Montag Sanktionen gegen sieben russische Wissenschaftler und zwei Forschungseinrichtungen. Ihnen wird vorgeworfen, an der Entwicklung tödlicher Chemiewaffen beteiligt gewesen zu sein, die bei den Anschlägen auf den früheren Doppelagenten Sergei Skripal und den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny eingesetzt worden seien. Die britische Außenministerin Yvette Cooper erklärte, die wiederholte Verwendung chemischer Waffen durch Russland sei ein abscheulicher Verstoß gegen das Völkerrecht und eine direkte Bedrohung für die globale Sicherheit.
Präsident Selenskyj forderte die NATO-Länder auf, die Luftabwehrsysteme der Ukraine zu verstärken, um die Zivilbevölkerung besser schützen zu können. Er verwies darauf, dass die russischen Angriffe gezielt Wohngebiete und zivile Einrichtungen träfen. Die Ukraine benötige dringend mehr Systeme zur Abwehr von Raketen und Drohnen, um die täglichen Angriffe abwehren zu können. Der NATO-Gipfel in Ankara, der in den kommenden Tagen stattfindet, wird voraussichtlich auch über weitere Militärhilfe für die Ukraine beraten.
Die russische Luftabwehr meldete unterdessen, in der Nacht 613 ukrainische Drohnen über verschiedenen Regionen abgeschossen zu haben. Insgesamt habe die Ukraine demnach 625 Drohnen für die Angriffe eingesetzt, die sich gegen Hafen- und Ölinfrastruktur gerichtet hätten. Die Angaben des russischen Verteidigungsministeriums sind nicht unabhängig zu bestätigen. Die Ukraine äußerte sich zunächst nicht zu den Drohnenangriffen.



