Die Nato hat der von Russland angegriffenen Ukraine auf ihrem Gipfeltreffen in Ankara umfangreiche neue Militärhilfen zugesagt. Wie aus der am Mittwoch verabschiedeten Gipfelerklärung hervorgeht, sagen die Verbündeten für das laufende Jahr 70 Milliarden Euro für Ausrüstung, Unterstützung und Ausbildung zu. Für das Jahr 2027 soll die Militärhilfe mindestens auf diesem Niveau fortgesetzt werden, sodass sich die Gesamtzusagen auf rund 140 Milliarden Euro belaufen.
In der Erklärung enthalten ist auch ein EU-Hilfspaket, über das die Ukraine bis Ende 2027 rund 60 Milliarden Euro für verteidigungsrelevante Ausgaben erhalten soll. Die verbleibenden rund 80 Milliarden Euro müssen die Nato-Staaten aus ihren nationalen Haushalten stemmen. Darüber hinaus kündigten die Bündnisstaaten neue Rüstungsverträge im Umfang von mehr als 50 Milliarden US-Dollar an, was mehr als 43 Milliarden Euro entspricht. In der Abschlusserklärung heißt es zudem, man verpflichte sich dazu, die gemeinsamen Produktionskapazitäten auszubauen.
Bundeskanzler Friedrich Merz bewertete die Zusagen als wegweisend. Bereits zum Auftakt des Spitzentreffens hatte der CDU-Politiker erklärt: „Dem Kreml dürfte langsam klar sein, dass sich Russland in diesem Krieg nicht durchsetzen und seine Kriegsziele nicht erreichen wird.“ Der Gipfel in Ankara könne einen Einschnitt in diesem Krieg markieren.
Parallel zu den diplomatischen Bemühungen weitete die Ukraine ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur erneut aus. Neben intensiven Attacken auf Schiffe der russischen Schattenflotte im Asowschen Meer haben ukrainische Streitkräfte verschiedene Ölraffinerien im russischen Hinterland getroffen. Das ukrainische Militär scheint dabei die Reichweite seiner Angriffe stetig auszuweiten.
Bereits zu Beginn der Woche verkündete Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass eine „Langstrecken-Sanktion“ eine Ölraffinerie im sibirischen Omsk getroffen habe – etwa 2.500 Kilometer von der Ukraine entfernt. Putins Gesandter für die Region, Anatoli Seryschew, bestätigte den Angriff und teilte mit, dass der Betrieb der Anlage vorübergehend eingestellt werden musste. Mit einer Verarbeitungskapazität von rund 22 Millionen Tonnen Öl jährlich zählt die Anlage nahe der Grenze zu Kasachstan zu den größten Raffinerien Russlands. Durch den Produktionsausfall könnte sich die ohnehin prekäre Versorgung mit Treibstoff an russischen Tankstellen weiter zuspitzen.
In der Nacht zum Mittwoch griff die Ukraine zudem die russische Ölraffinerie Saratow und eine petrochemische Anlage in Tatarstan an. Das russische Verteidigungsministerium hatte zuvor vor einem möglichen Drohnenangriff in der Region gewarnt, wie der Gouverneur des Gebiets Saratow, Roman Busargin, mitteilte. Saratow liegt etwa 460 Kilometer östlich der ukrainischen Grenze zu Russland in der Nähe des Gebiets Luhansk in der Ostukraine.
Unterdessen wurde die ukrainische Hauptstadt Kiew am Mittwochmorgen von einer Serie von Explosionen erschüttert. Wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten, erfolgte die erste heftige Explosion noch vor Ertönen der Luftschutzsirenen. Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb in Onlinenetzwerken: „Der Feind greift die Hauptstadt mit ballistischen Raketen an. Bleiben Sie in den Schutzräumen.“ Durch die russischen Angriffe gerieten Klitschko zufolge mehrere Lagerhallen sowie ein weiteres Nicht-Wohngebäude in Brand. Die neue Angriffswelle erfolgte nur einen Tag, nachdem durch Attacken der Truppen Moskaus in der Ukraine nach Behördenangaben mindestens 30 Menschen getötet worden waren.
Die Ukraine braucht nach eigenen Angaben dringend Nachschub für ihre Luftabwehr. Präsident Selenskyj forderte am Dienstag unmittelbar vor dem Nato-Gipfel in Ankara „mehr Entschlossenheit“ bei der Versorgung seines Landes. Die „oberste Priorität“ der Ukraine sei derzeit, „mehr Luftabwehrraketen zu bekommen“, sagte Selenskyj auf dem Nato-Rüstungsforum in der türkischen Hauptstadt.
Bereits am Rande des Nato-Gipfels hatte die Ukraine nach eigenen Angaben drei weitere Drohnen-Abkommen mit Dänemark, Estland und den Niederlanden abgeschlossen. Damit steige die Zahl dieser Vereinbarungen auf neun, erklärte Selenskyj. Sein Land gebe dabei die im Krieg gegen Russland gewonnene Expertise weiter. Hauptziel der Ukraine bei dem Treffen in Ankara bleibe es jedoch, weitere Luftverteidigungssysteme zu erhalten.



