Die deutsche Industrie gerät zunehmend unter Druck durch die wachsende Konkurrenz aus China. Während Deutschland jahrzehntelang vom Aufstieg der Volksrepublik profitierte, kehrt sich das Verhältnis nun um. Der sogenannte China-Schock 2.0 trifft die deutsche Wirtschaft in ihrem Kern, da er sowohl den Export als auch die Industrieproduktion betrifft. „Der Druck ist bereits im gesamten industriellen Kern Deutschlands spürbar“, sagt Esther Goreichy, Wirtschaftsexpertin beim Berliner Institut für Chinaforschung Merics.
Die Handelsstatistik zeigt das Ausmaß der Verschiebung deutlich. 2025 löste China die USA als wichtigsten deutschen Handelspartner ab. Allerdings wuchsen die Importe aus China um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro, während die deutschen Exporte nach China um fast ein Zehntel schrumpften. Das Handelsdefizit mit China stieg kräftig auf 89,3 Milliarden Euro. Damit stellen die Importe aus Fernost die deutschen Ausfuhren immer stärker in den Schatten.
Besonders hart trifft es die deutsche Automobilindustrie. Der chinesische Markt, lange Zeit eine wichtige Einnahmequelle für deutsche Hersteller, wird zunehmend zum Prüfstand. Die Kaufzurückhaltung wohlhabender Chinesen infolge der Immobilienkrise sowie die wachsende Beliebtheit heimischer E-Auto-Marken setzen die deutschen Anbieter unter Druck. Zudem liefern sich teils stark subventionierte chinesische Unternehmen einen brutalen Kampf um Marktanteile. In Deutschland selbst sind chinesische Autos noch selten, der Aufwärtstrend ist jedoch erkennbar: 2025 kamen rund 2,3 Prozent aller Neuzulassungen von chinesischen Marken, im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits 3,7 Prozent.
Im Maschinenbau hat China Deutschland als weltweit führenden Exporteur abgelöst. Mit hohen staatlichen Subventionen bieten chinesische Hersteller inzwischen auch technologisch anspruchsvolle Anlagen zu niedrigen Preisen an. Der Branchenverband VDMA fordert von der Politik bessere Produktionsbedingungen durch Bürokratieabbau und Steuerentlastungen. Strategisch relevante Technologien sollten industriepolitisch unterstützt werden. Zum Schutz des fairen Wettbewerbs schlägt der Verband eine stärkere Marktüberwachung bei Importen in die EU vor. Bei Verstößen gegen Anti-Dumping- und Anti-Subventionsregeln solle die EU Ausgleichszölle auf Güter erheben, die aus Drittstaaten nach Europa exportiert werden. Freihandelsabkommen könnten den Marktzugang für deutsche und europäische Unternehmen erleichtern.
Ein weiteres strategisches Problemfeld sind Batterien. Die heimische Produktion von Batteriezellen etwa für E-Autos ist ein erklärtes Ziel der deutschen und europäischen Politik, doch China bleibt der Hauptlieferant. Zwar stieg die Batterieproduktion in Deutschland 2025 auf einen Rekordwert von 8,1 Milliarden Euro, die Abhängigkeit von China ist nach Einschätzung des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) jedoch noch gestiegen, insbesondere bei Lithium-Ionen-Batterien. „Wenn diese unterbrochen werden oder einzelne Regionen ihre Exporte kurzfristig komplett einstellen, wird klar, wie verletzlich wir sind, insbesondere in kritischen Sektoren wie der Verteidigung oder bei Rechenzentren“, warnt ZVEI-Batterie-Experte Gunther Kellermann. Statt Kaufprämien für E-Autos brauche man niedrigere Strompreise für alle und einen besseren Schutz vor unfairer Konkurrenz. Wenn es jetzt nicht gelinge, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, „könnten wir die industrielle Batterieproduktion auf dem europäischen Kontinent unwiederbringlich verlieren“.
Auch die Pharmabranche sieht sich wachsender Konkurrenz aus China ausgesetzt. China ist nicht nur einer der wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Pharmaunternehmen, sondern baut seine Rolle als Produktions- und Innovationsstandort systematisch aus. Die Abhängigkeit von chinesischen Wirkstoffen und Vorprodukten ist groß: Schätzungsweise drei Viertel der europäischen Arzneimittel-Wertschöpfungskette hängen von Importen ab. In Deutschland führt das immer wieder zu Medikamenten-Engpässen, etwa bei Schmerz- und Diabetesmitteln oder Antibiotika, da sich Pharmakonzerne aus der Produktion in Deutschland zurückgezogen haben. „China baut seine Rolle als Pharma-Innovations- und Produktionsstandort seit Jahren systematisch aus und wird damit auch für Deutschland zu einem immer wichtigeren Wettbewerber“, sagt Claus Michelsen, Chefvolkswirt des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA). China mache gezielt Industriepolitik, um Marktanteile zu gewinnen.
Die deutsche Wirtschaft steht damit vor der Herausforderung, ihre Wettbewerbsfähigkeit in mehreren Schlüsselbranchen zu sichern. Experten fordern eine konsequente Industriepolitik, die Innovationen fördert, faire Wettbewerbsbedingungen schafft und strategische Abhängigkeiten reduziert. Ohne entschlossenes Handeln droht Deutschland den Anschluss an die dynamische Entwicklung in Fernost endgültig zu verlieren.



