Der demokratische US-Kongressabgeordnete Ro Khanna hat israelischen Siedlern und dem israelischen Militär schweres Fehlverhalten vorgeworfen, nachdem er während eines Besuchs im besetzten Westjordanland von bewaffneten Siedlern festgesetzt worden war. Der Abgeordnete aus Kalifornien erklärte der Nachrichtenagentur Reuters, die Siedler hätten ihn und weitere US-Bürger am Mittwoch nahe dem palästinensischen Weiler Khirbet Zanuta mehr als eine Stunde lang an der Weiterfahrt gehindert. Die israelische Armee, die nach Khannas Darstellung alarmiert worden sei, habe sich nach ihrem Eintreffen auf die Seite der Siedler gestellt und die Festsetzung fortgesetzt.
Khanna schilderte, dass seine Delegation zuvor ein Dorf besucht habe, das nach seinen Angaben von Siedlern zerstört worden sei. «Sie hatten die Schule zerstört. Sie hatten das Dorf zerstört. Und wir haben es uns nur angesehen», sagte der Abgeordnete. Dann seien bewaffnete Siedler mit US-amerikanischen M4-Gewehren aufgetaucht – Khanna sprach wörtlich von «Gangstern mit Maschinenpistolen». Die Gruppe sei festgesetzt und die israelische Armee alarmiert worden. Als Soldaten eintrafen, hätten sie sich auf die Seite der Siedler gestellt, so Khanna. Sein Mitarbeiter Cameron Kasky widersprach auf der Plattform X der Darstellung der israelischen Armee und betonte, die Soldaten hätten sich zunächst mit den bewaffneten Siedlern unterhalten, anstatt einzugreifen.
Das israelische Militär schilderte den Vorfall in einer Stellungnahme anders. Es erklärte, Soldaten und Polizeikräfte seien nach einem Hinweis auf Siedler ausgerückt, die Fahrzeuge nahe Khirbet Zanuta blockiert hätten. Nach ihrem Eintreffen hätten sie die israelischen Zivilisten auseinandergetrieben und den Fahrzeugen die Weiterfahrt ermöglicht. Die israelische Polizei äußerte sich zunächst nicht zu dem Vorfall. Auch die US-Botschaft in Jerusalem reagierte nicht auf eine Anfrage. Khanna veröffentlichte nach dem Vorfall einen Beitrag auf X, in dem er die Version der Armee zurückwies und ankündigte, in Kürze weitere Details zu veröffentlichen.
Der Kongressabgeordnete aus Kalifornien erwägt nach eigenen Angaben eine Kandidatur für die US-Präsidentschaftswahl 2028. Reuters sagte er, die Reise habe ihn in dieser Überlegung bestärkt. Khanna gilt als Israel-Kritiker. Landesweit bekannt wurde er, als er sich gemeinsam mit den Republikanern Thomas Massie und Marjorie Taylor Greene für die Freigabe der Epstein-Akten einsetzte. Seitdem wird er auch von US-Präsident Donald Trump immer wieder namentlich angegriffen. Khanna besuchte nach eigenen Angaben ausschließlich das Westjordanland und nahm dort an einem von Palästinensern organisierten Programm teil. Er wollte sich nach eigenen Worten ein unmittelbares Bild von der Lage vor Ort verschaffen.
Die israelische Siedlungspolitik und der Krieg im Gazastreifen lösen seit Monaten auch innerhalb der Demokratischen Partei in den USA kontroverse Debatten aus. Während einige Abgeordnete eine Einschränkung der Militärhilfe für Israel fordern, lehnen andere dies ab. Die meisten Staaten und die Vereinten Nationen betrachten die israelischen Siedlungen im Westjordanland als völkerrechtswidrig. Israel weist diese Auffassung zurück und bezeichnet das Gebiet als umstrittenes Territorium. Der Vorfall um Khanna verschärft die Spannungen in einer ohnehin angespannten Region und könnte die innerparteilichen Diskussionen in den USA weiter anheizen.



