Die ungarische Schachgroßmeisterin Judit Polgar hat das Angebot der Regierungspartei Fidesz abgelehnt, für das Amt der Staatspräsidentin zu kandidieren. Die 48-Jährige, die als beste Schachspielerin aller Zeiten gilt, teilte am Dienstag mit, dass sie die Nominierung nicht annehmen werde. Ministerpräsident Viktor Orbán hatte Polgar öffentlich als Kandidatin für das höchste Staatsamt vorgeschlagen, doch die Schachlegende erklärte, sie wolle sich weiterhin auf ihre beruflichen und familiären Verpflichtungen konzentrieren.
Polgar, die seit Jahren in Budapest lebt, betonte in ihrer Stellungnahme, dass sie die Ehre zu schätzen wisse, aber nicht für das Präsidentenamt zur Verfügung stehe. Sie verwies auf ihre Arbeit im Bereich der Schachförderung und Bildung, die sie nicht aufgeben wolle. Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die ungarische Regierung nach einem neuen Staatsoberhaupt sucht, nachdem die bisherige Präsidentin Katalin Novák im Februar 2024 zurückgetreten war. Novák war unter Druck geraten, nachdem sie einem Mann die Begnadigung gewährt hatte, der in einem Missbrauchsskandal verwickelt war.
Die Ablehnung Polgars ist ein Rückschlag für Orbán, der die Schachgroßmeisterin als überparteiliche Kandidatin präsentieren wollte, um das Ansehen des Amtes zu stärken. Polgar, die 1991 im Alter von 15 Jahren der jüngste Schachgroßmeister der Geschichte wurde, hat sich in Ungarn und international einen Ruf als Intellektuelle und Vorbild erworben. Sie ist bekannt für ihr Engagement in der Bildungsarbeit und hat eine Stiftung gegründet, die Schach als Lernwerkzeug in Schulen fördert.
Die ungarische Verfassung sieht vor, dass der Präsident vom Parlament gewählt wird. Die Fidesz-Partei, die über eine Zweidrittelmehrheit verfügt, hatte Polgar als Kandidatin ins Spiel gebracht, um eine breite Zustimmung zu sichern. Doch die Schachspielerin machte deutlich, dass sie keine politischen Ambitionen habe. In einer Erklärung hieß es, sie sei dankbar für das Vertrauen, aber ihre Leidenschaft gelte dem Schach und der Bildung.
Die Opposition in Ungarn reagierte verhalten auf die Absage. Einige Kommentatoren werteten den Vorschlag Orbáns als Versuch, das Image der Regierung aufzupolieren, nachdem es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Kontroversen gekommen war. Polgar selbst vermied politische Äußerungen und betonte, dass ihre Entscheidung rein persönlicher Natur sei. Sie bedankte sich bei Orbán für das Angebot, machte aber klar, dass sie nicht für das Amt zur Verfügung stehe.
Die Suche nach einem neuen Staatsoberhaupt in Ungarn geht nun weiter. Das Parlament muss innerhalb von 30 Tagen nach dem Rücktritt von Novák einen neuen Präsidenten wählen. Beobachter erwarten, dass Fidesz einen anderen Kandidaten vorschlagen wird, der die nötige Mehrheit erhalten könnte. Polgars Absage zeigt jedoch, dass es für die Regierung schwierig sein könnte, eine überparteiliche Persönlichkeit zu finden, die bereit ist, das Amt zu übernehmen.
Judit Polgar bleibt eine der bekanntesten Persönlichkeiten Ungarns. Sie hat das Schachspiel in ihrem Heimatland populär gemacht und gilt als Pionierin für Frauen in einer traditionell männlich dominierten Sportart. Ihre Entscheidung, nicht für die Präsidentschaft zu kandidieren, wird in Ungarn und international respektiert, auch wenn sie die politische Landschaft vor eine Herausforderung stellt.



