Der Chef der britischen Rechtspopulisten, Nigel Farage, könnte sich mit seinem überraschenden Rücktritt aus dem Parlament und der anschließenden Nachwahl im Bezirk Clacton ein Eigentor geschossen haben. Was als Befreiungsschlag des Vorsitzenden der Partei Reform UK gedacht war, droht zur Blamage zu werden. Denn weil alle größeren Parteien sich weigern, Kandidaten aufzustellen, könnte sein größter Konkurrent ein Komiker werden.

Count Binface, auf Deutsch etwa «Graf Mülltonnengesicht», alias Jon Harvey, ist ein regelmäßiger Teilnehmer bei britischen Wahlen. Es handelt sich um einen selbst ernannten intergalaktischen Weltraumkrieger in einem vage an Star-Wars-Bösewicht Darth Vader angelehnten Kostüm mit Umhang und einer Mülltonne als Helm. Offiziell aufgestellt wurde der Komiker noch nicht, die Bewerbungsfrist für die Nachwahl ist noch nicht angelaufen. «Los geht's, Nige», schrieb er kurz nach der Rücktrittsankündigung von Farage am Dienstag in einem Beitrag auf der Plattform X.

Dass er die Wahl tatsächlich gewinnen kann, glaubt der Spaßkandidat allerdings nicht, wie er der BBC nun verriet. Seine Aufgabe sei es, «die Wunder der britischen Demokratie zu feiern und zu verteidigen», sagte er. Dass er derjenige sei, der interviewt werde, weil die großen Parteien keinen Kandidaten bei der Nachwahl aufstellen, «sagt mehr über sie aus als über mich». Quatschkandidaten wie Count Binface haben in Großbritannien Tradition. Als Boris Johnson 2019 seinen Sieg bei der Parlamentswahl feierte, tummelten sich neben dem Weltraumkrieger noch ein Kandidat im Kostüm der Sesamstraßenfigur Elmo, ein Lord Buckethead (Lord Eimerkopf) und ein Yace Yogenstein, auch bekannt als Interplanetary Time Lord, auf der Bühne mit dem siegreichen Kandidaten. Die 1982 gegründete Official Monster Raving Loony Party tritt regelmäßig mit Quatschkandidaten bei Wahlen an.

Mit seinem überraschenden Rücktritt aus dem Parlament wollte Farage lästige Fragen um ein Geldgeschenk loswerden. Bei der Nachwahl hat er nun obendrein noch ein ganz anderes Problem. Selbst wenn es Farage wie erwartet gelingen sollte, das Mandat wiederzuerringen, dürfte es fraglich sein, ob ihm die Wahl die erhoffte Legitimation bringen wird. Auch sein eigentliches Problem, eine Untersuchung zu einem Geldgeschenk von 5 Millionen Pfund (5,85 Millionen Euro), wird dadurch nicht gelöst. Britischen Medienberichten zufolge wird die Untersuchung nur ausgesetzt, solange er dem Parlament nicht angehört.

Die Nachwahl in Clacton ist somit nicht nur ein Test für Farages politische Zukunft, sondern auch ein Beispiel für die skurrilen Seiten der britischen Demokratie. Während die großen Parteien sich zurückhalten, könnte ein Komiker mit Mülltonnenhelm zur symbolischen Herausforderung für den Brexit-Vorkämpfer werden. Die Wahl wird mit Spannung erwartet, nicht zuletzt wegen der Frage, ob Farage seine Position als Führer der Rechtspopulisten festigen kann oder ob die Blamage seine politische Karriere nachhaltig beschädigt.

Autor

Gesellschaftsreporterin

Leonie Vogt berichtet für Junkr Party über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.