Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat erneut seinen Verteidigungsminister ausgewechselt. Mychajlo Fedorow, der erst vor einem halben Jahr ins Amt berufen worden war, muss seinen Posten räumen. Die Entlassung des jungen Reformers sorgt in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw für Proteste und stößt auch international auf Kritik.

Fedorow galt als einer der beliebtesten Minister der Regierung. Er hatte das Verteidigungsministerium mit einem klaren Reformkurs übernommen und setzte sich insbesondere für Innovationen und die Bekämpfung von Korruption ein. Unter seiner Führung wurden moderne Beschaffungsprozesse eingeführt und die Transparenz im Ministerium erhöht. Viele Ukrainer sehen in ihm den Architekten der jüngsten Erfolge an der Front, die auf eine effizientere Logistik und bessere Ausrüstung zurückgeführt werden.

Hinter der Entlassung steht nach übereinstimmenden Berichten ein Machtkampf mit der militärischen Führung. Fedorow hatte sich wiederholt für eine stärkere zivile Kontrolle der Armee eingesetzt und war dabei mit hohen Offizieren aneinandergeraten. Die Spannungen zwischen dem Ministerium und dem Generalstab waren in den vergangenen Wochen öffentlich geworden. Selenskyj entschied sich nun offenbar für die Seite der Militärs.

Die Entscheidung des Präsidenten kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Ukraine befindet sich im Krieg mit Russland und ist auf eine funktionierende Verteidigungsverwaltung angewiesen. Fedorows Entlassung könnte die Reformbemühungen im Verteidigungssektor gefährden, warnen Beobachter. Der Minister hatte nicht nur die Korruption bekämpft, sondern auch die Digitalisierung der Armee vorangetrieben und die Zusammenarbeit mit westlichen Partnern intensiviert.

In Kyjiw versammelten sich am Tag nach der Bekanntgabe Hunderte Demonstranten vor dem Regierungsviertel. Sie skandierten Parolen gegen die Entlassung und forderten Selenskyj auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. Viele von ihnen trugen Schilder mit Aufschriften wie „Schande“ und „Größter Fehler“. Die Proteste richteten sich nicht gegen den Präsidenten selbst, sondern gegen die Personalentscheidung, die als Rückschritt für die Reformagenda gewertet wird.

Auch aus dem Ausland kam Kritik. In Berlin zeigte man sich entrüstet über die Abberufung Fedorows. Deutsche Regierungsvertreter hatten den Minister als verlässlichen Partner im Kampf gegen die Korruption geschätzt. Die Bundesregierung rief die ukrainische Führung dazu auf, den Reformkurs fortzusetzen und die zivilen Kontrollmechanismen zu stärken. Fedorow selbst äußerte sich bislang nicht öffentlich zu seiner Entlassung.

Die Regierungsumbildung ist nicht die erste ihrer Art. Selenskyj hat in den vergangenen Monaten mehrfach Minister und hohe Beamte ausgewechselt, um seine Macht zu festigen und die Kriegsanstrengungen zu optimieren. Kritiker werfen ihm vor, dabei zu oft auf Loyalität statt auf Kompetenz zu setzen. Der Fall Fedorow zeigt nach Ansicht von Analysten die Grenzen dieser Strategie auf: Die Entlassung eines so populären und erfolgreichen Ministers könnte das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung untergraben.

Die Nachfolge Fedorows ist noch nicht geklärt. In Kyjiw wird spekuliert, dass Selenskyj einen erfahrenen Militär oder einen engen Vertrauten auf den Posten berufen könnte. Die Opposition fordert eine transparente Auswahl und eine parlamentarische Anhörung. Derzeit läuft der Auswahlprozess hinter verschlossenen Türen. Beobachter erwarten eine Entscheidung innerhalb der nächsten Tage.

Die Entlassung Fedorows fällt in eine Phase, in der die Ukraine dringend auf stabile politische Verhältnisse angewiesen ist. Der Krieg gegen Russland fordert weiterhin hohe Opfer, und die internationale Unterstützung muss kontinuierlich gesichert werden. Die Personalrochade im Verteidigungsministerium könnte die Planungen für die kommenden Monate erschweren. Ob der neue Minister die Reformen Fedorows fortsetzen wird, bleibt abzuwarten.