Der mutmaßliche Attentäter, der am Samstag während des Christopher Street Days (CSD) in Berlin ein Auto in eine Menschenmenge gesteuert haben soll, ist bei einem Polizeieinsatz getötet worden. Der 21-Jährige wurde am Sonntag in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau von einem Spezialeinsatzkommando (SEK) erschossen, nachdem er laut Polizei mit einer Stichwaffe auf die Beamten zugelaufen war. Trotz sofortiger Reanimationsversuche der Feuerwehr starb er noch am Einsatzort. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen zu der Tat, die von den Behörden als islamistischer Terroranschlag eingestuft wird.
Der Anschlag ereignete sich am späten Samstagabend, als Hunderttausende Menschen auf den Straßen Berlins den CSD feierten. Ein Fahrzeug fuhr am Rande der Veranstaltung in eine Menschengruppe. Eine Frau wurde getötet, 29 weitere Personen erlitten Verletzungen. Nach Angaben der Polizei ist ihr Zustand inzwischen nicht mehr lebensbedrohlich. Der Fahrer verließ das Auto und flüchtete zu Fuß. Laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ging er mutmaßlich auch mit einer Machete auf Passanten los. Die Ermittler gehen von einem islamistischen Hintergrund aus – «darauf deutet alles hin», so Dobrindt.
Der Vater des Tatverdächtigen, Abdul B., äußerte sich in einem Interview mit dem SPIEGEL zu seinem Sohn. Er berichtete, er habe noch am Tattag mit ihm telefoniert. Dabei habe er ihm unter anderem gesagt: «Ich habe ihm nicht erlaubt, einen langen Bart zu tragen.» Der Vater machte keine weiteren Angaben zum Gesprächsverlauf. Die Aussage wirft ein Licht auf das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn, das möglicherweise im Zusammenhang mit der zunehmenden Radikalisierung des jungen Mannes steht.
Abdul B. war den Behörden bereits seit längerem bekannt. Er radikalisierte sich nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden und gehörte der islamistischen Szene an. Im Juli 2025 versuchte er mehrfach, sich im Ausland der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Im Libanon wurde er festgenommen und verbrachte drei Monate in Haft. Nach seiner Entlassung kehrte er am 17. November 2025 nach Deutschland zurück und wurde am Flughafen BER erneut festgenommen. Es folgten monatelange Untersuchungshaft, bevor ihn ein Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten im Mai 2026 wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilte. Das Gericht hob den bestehenden Haftbefehl auf, da die Untersuchungshaft nicht als vorweggenommene Strafe dienen dürfe. Die Verurteilung ist nicht rechtskräftig; die Generalstaatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt und eine höhere Strafe beantragt. In der Verhandlung zeigte sich Abdul B. überwiegend geständig und distanzierte sich vom IS.
Noch Anfang dieses Monats durchsuchten Ermittler die Wohnung des 21-Jährigen in Berlin-Schöneberg. Hintergrund war ein Anfangsverdacht wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz. Gefunden wurde den Angaben zufolge lediglich eine Spielzeugwaffe. Medienberichten zufolge hätte Abdul B. am Montag an einem Deradikalisierungskurs teilnehmen sollen. Ob dieser Termin noch stattgefunden hätte, ist angesichts der Ereignisse unklar.
Die politischen Reaktionen fielen am Sonntag deutlich aus. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zeigte sich erleichtert, dass der Tatverdächtige innerhalb von 24 Stunden gestellt wurde. «Das ist ein großer Erfolg der Ermittlungsbehörden», sagte er dem RBB. Auch CDU-Chef Friedrich Merz äußerte sich vor einem geplanten Gedenkgottesdienst und sprach den Opfern sein Mitgefühl aus. Die Bundesanwaltschaft ermittelt nun wegen Mordes sowie versuchten Mordes und prüft die Hintergründe der Tat. Der Fall wirft erneut Fragen nach der Wirksamkeit von Deradikalisierungsprogrammen und der Überwachung islamistischer Gefährder auf.



