Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Mindestens vier Menschen kamen dabei ums Leben, 15 weitere wurden verletzt, darunter zwei Jugendliche. Das teilten Bürgermeister Vitali Klitschko und örtliche Behörden auf dem Nachrichtendienst Telegram mit.
Nach Angaben der Behörden wurden in mehreren Stadtbezirken Wohnhäuser und Gewerbegebäude beschädigt, mehrere Autos gerieten in Brand. Ein fünfstöckiges Wohnhaus wurde durch herabstürzende Raketentrümmer getroffen; in dem Gebäude waren Menschen eingeschlossen, wie Klitschko mitteilte. Wie viele Menschen sich in dem Haus befanden, blieb zunächst unklar. Der Bürgermeister hatte zuvor Explosionen in der Stadt gemeldet und erklärt, Kiew werde mit ballistischen Raketen angegriffen. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden aufgerufen, in den Schutzräumen zu bleiben. Das genaue Ausmaß der Schäden war zunächst unklar, Rettungskräfte und Feuerwehr waren in mehreren Stadtteilen im Einsatz.
Der nächtliche Angriff ist die jüngste Eskalation in einer Serie russischer Luftangriffe auf die Ukraine. Bereits am Donnerstag hatten russische Streitkräfte Kiew und andere ukrainische Städte bei einem groß angelegten Angriff ins Visier genommen. Landesweit kamen dabei nach ukrainischen Angaben mindestens zehn Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt. Auch die Stadt Lwiw, früher Lemberg, im Westen des Landes nahe der polnischen Grenze beklagte schwere Schäden. Bei dem Angriff war zudem ein Flugobjekt in den Luftraum des Nato-Staats Polen eingedrungen und abgestürzt. Nach Angaben der polnischen Regierung handelte es sich um einen russischen Marschflugkörper. Der Vorfall machte erneut deutlich, wie nahe die Kämpfe an die Grenze des Nato-Gebiets heranreichen.
Für die Menschen in Kiew ist es eine weitere Nacht mit Sirenenalarm und Detonationen. Mehr als zehn Explosionen waren in der Stadt in dichter Folge zu hören. Schon wieder müssen die Bewohnerinnen und Bewohner der Millionenstadt bangen, schon wieder schlugen Raketentrümmer in Wohngebieten ein. Klitschko appellierte an die Bevölkerung, bei neuem Alarm sofort die nächsten Schutzräume aufzusuchen und die Anweisungen der Behörden zu befolgen.
Mit den massiven Luftangriffen versucht Moskau, die ohnehin stark beanspruchte ukrainische Luftabwehr weiter zu überlasten. Als wirksamstes Mittel gegen ballistische Raketen gelten Patriot-Abfangraketen, von denen Kiew eigenen Angaben zufolge derzeit nicht mehr genügend hat. Je mehr Raketen gleichzeitig im Anflug sind, desto schwerer fällt es der Verteidigung, alle Ziele abzufangen. Die Strategie zielt darauf ab, die ukrainische Luftverteidigung zu ermüden und ihre begrenzten Vorräte an Abfangraketen zu erschöpfen.
In dieser Lage richtet sich der Blick auf die militärische Unterstützung aus Washington. US-Präsident Donald Trump äußerte sich am Freitag zurückhaltend zu einer möglichen Vergabe einer Lizenz an die Ukraine zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen. Eine solche Lizenz hatte er Anfang Juli am Rande des Nato-Gipfels in Ankara in Aussicht gestellt. Eine konkrete Zusage machte er zunächst nicht.
Für Kiew geht es bei der Frage um die künftige Versorgung mit Abwehrraketen. Eigene Fertigungskapazitäten würden die Ukraine unabhängiger von den Lieferungen ihrer Partner machen und ihr erlauben, die Bestände schneller aufzustocken. Bislang fehlen dem Land nach eigenen Angaben ausreichende Mengen an Patriot-Abfangraketen, um die wiederholten Angriffe auf die Hauptstadt und andere Städte wirksam abzuwehren. Die Ukraine ist bei der Luftverteidigung in hohem Maße auf die Unterstützung ihrer westlichen Partner angewiesen.
Seit Februar 2022 wehrt sich die Ukraine mit westlicher Hilfe gegen die russische Invasion. Der erneute Angriff auf Kiew zeigt, dass die russische Führung ihre Luftschläge auf ukrainische Städte unvermindert fortsetzt. Ob in den beschädigten Häusern weitere Opfer geborgen werden mussten, war am Morgen nach dem Angriff zunächst offen. Die Rettungsarbeiten in dem getroffenen Wohnhaus dauerten an.



