Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat am Donnerstag im Bundestag überraschend den Kauf von US-Mittelstreckenwaffen des Typs Tomahawk bekannt gegeben. Die Bundesregierung werde die Marschflugkörper beschaffen und in Deutschland stationieren, sagte Merz in einer kurzfristig angesetzten Regierungserklärung zur politischen Lage. Man habe sich beim Nato-Gipfel in Ankara mit der US-Seite darauf verständigt. „Wir schließen damit eine wichtige strategische Lücke in unserer Verteidigung“, betonte der Kanzler. Gleichzeitig werde Deutschland weiter daran arbeiten, eigene europäische Systeme zu entwickeln und in Europa zu stationieren.

Die Tomahawk-Raketen haben eine Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern und könnten von Deutschland aus weit bis in russisches Gebiet reichen. Moskau liegt rund 1.600 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Bereits beim Nato-Gipfel 2024 in Washington hatten die USA unter Präsident Joe Biden für das Jahr 2026 in Aussicht gestellt, Tomahawks sowie Raketen vom Typ SM-6 und neu entwickelte Hyperschallwaffen kostenlos in Deutschland zu stationieren. Unter US-Präsident Donald Trump gab es jedoch eine Absage an dieses Vorhaben, woraufhin Verhandlungen über den Kauf der Waffen folgten.

Die europäischen Nato-Staaten verfügen derzeit noch nicht über eigene Mittelstreckenwaffen. Mittelfristig wollen mehrere Verbündete ein eigenes Waffensystem für weitreichende Präzisionsangriffe auf sogenannte Hochwertziele eines Gegners beschaffen. Dazu wurde 2024 auf dem Nato-Gipfel in Washington das Projekt Elsa („European Long-Range Strike Approach“) angestoßen. Mehrere europäische Nato-Verbündete wollen unter diesem gemeinsamen Dach einen eigenen Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern entwickeln. Das deutsche Verteidigungsministerium hatte im vergangenen Jahr erklärt, die Arbeiten an dieser neuen Fähigkeit hätten begonnen.

Merz war erst am Mittwochabend vom Nato-Gipfel in Ankara zurückgekehrt, bei dem neue Finanzhilfen für die Ukraine beschlossen und die Weichen für eine Nato mit größerer europäischer Verantwortung gestellt wurden. Am Rande des Gipfels liefen die Gespräche mit den USA über die Beschaffung der Tomahawk-Mittelstreckenwaffen. Der Kanzler nutzte die Gelegenheit, um auch eine deutliche Botschaft an die AfD zu richten. Er höre immer wieder den Vorwurf, die politische Mitte liefere nicht und blockiere sich selbst. „Lassen Sie mich in aller Deutlichkeit erwidern: Die Mitte liefert, sie arbeitet und sie erfüllt vor allem den Auftrag aus unserem Grundgesetz“, sagte er mit Blick auf das Erstarken der AfD.

Radikale Kräfte, die vermeintlich einfache Lösungen anböten, gebe es gerade in vielen Demokratien, auch in Deutschland. „Aber wir sind stark genug, diese Angriffe auf unsere Freiheit und auf die Stabilität unseres Landes gemeinsam zurückzuweisen“, sagte Merz. Antworten radikaler Parteien, ob von links oder rechts, gestalteten nicht. „Sie spalten unser Land und würden es, sollten sie politische Verantwortung in Deutschland übernehmen, in den Abgrund führen.“

Schwerpunkt der Rede des Kanzlers war jedoch der Reformkurs seiner schwarz-roten Regierung. Die Koalition hatte sich in der vergangenen Woche auf ein Reformpaket mit 34 Punkten verständigt. Mit Steuerentlastungen von zehn Milliarden Euro, flexibleren Arbeitsverträgen, einer Neuordnung der Altersvorsorge und massivem Abbau von Bürokratie wollen die regierenden Christ- und Sozialdemokraten Deutschland aus der Wirtschaftskrise führen und die sozialen Sicherungssysteme stabilisieren. „Diese Verabredungen zielen vor allem auf mehr Beweglichkeit für unsere Unternehmen, auf den Erhalt unseres Sozialstaats und auf die steuerliche Entlastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“, sagte Merz.

Für viel Ärger hatte in den vergangenen Tagen die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung gesorgt. Die Steuerreform geht außerdem vielen nicht weit genug, und die Krankenkassen-Sparpläne sind weiter umstritten. Merz zeigte sich trotz der Eilanträge der Opposition gegen diese Pläne zuversichtlich, dass das Gesetz an diesem Freitag verabschiedet wird. „Morgen, so hoffe ich jedenfalls, werden wir im Bundestag und im Bundesrat die gesetzliche Krankenversicherung auf eine neue finanzierbare Grundlage stellen“, sagte er. Am Vortag hatten Abgeordnete der Grünen und der Linken jeweils Eilanträge beim Verfassungsgericht eingereicht, um die Abstimmung in letzter Minute zu stoppen. Auch ein AfD-Abgeordneter kündigte den Gang nach Karlsruhe an.

Der Kanzler sieht bereits eine positive Wirkung des Reformkurses. Unter Verweis auf Zahlen des Statistischen Bundesamts sagte er: „Viele Unternehmen fahren die Produktion hoch.“ Seit Anfang 2025 steige der Auftragsbestand in den Unternehmen kontinuierlich an und liege heute um 30 Prozent höher als Ende 2024. „Das sind ermutigende Zeichen unserer Volkswirtschaft.“ Allerdings sei das noch nicht der Durchbruch, und es gebe einige Branchen, die in einer schweren Krise seien. „Wir dürfen nicht nachlassen, wir müssen weiter hart arbeiten, wir müssen noch besser werden.“

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Gesellschaftsreporterin

Leonie Vogt berichtet für Junkr Party über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.