Der Chef des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, soll Bundeskanzler Friedrich Merz in einem persönlichen Gespräch dazu gedrängt haben, eine Zusammenarbeit mit der AfD zu ermöglichen. Dies berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) unter Berufung auf eine gemeinsame Recherche mehrerer angesehener Journalisten. Der Verlag wies die Darstellung umgehend zurück und bezeichnete sie als „eine glatte Lüge“. Verlauf und Inhalt des angeblichen Gesprächs seien frei erfunden, hieß es in einer Stellungnahme.
Die Vorwürfe reihen sich in eine Serie von Enthüllungen über Döpfners politische Ambitionen ein. Bereits 2023 hatte die Wochenzeitung „Die Zeit“ Chatverläufe veröffentlicht, die Döpfner und dem damaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt zugeschrieben wurden. Darin soll Döpfner zwei Tage vor der Bundestagswahl 2021 Reichelt gebeten haben, die FDP zu stärken, um die damalige Ampelkoalition platzen zu lassen. Döpfner erklärte damals, es handele sich um „aus dem Zusammenhang gerissene Text- und Gesprächsschnipsel“. Er betonte mehrfach, dass er sein Medienimperium nicht nutze, um eigene politische Vorstellungen voranzutreiben.
Die aktuelle Recherche wirft ein neues Licht auf die Frage, wie eng die Verbindungen zwischen führenden Medienmanagern und der Politik tatsächlich sind. Döpfner, der den Springer-Verlag in den vergangenen Jahren modernisiert und sein äußeres Erscheinungsbild von einem konservativen Banker zu einem dynamischen Tech-Unternehmer gewandelt hat, pflegt enge Kontakte in die Silicon-Valley-Szene. Kritiker sehen darin eine Gefahr für die Unabhängigkeit der Berichterstattung. Die Blätter des Springer-Verlags gelten als konservativ bis liberal, was grundsätzlich legitim ist. Problematisch wird es jedoch, wenn der Verleger versucht, direkt auf politische Abläufe Einfluss zu nehmen.
Bundeskanzler Friedrich Merz soll laut der RND-Recherche auf Döpfners angebliche Aufforderung ablehnend reagiert haben. Demnach habe Merz erklärt, eine Zusammenarbeit zwischen Union und AfD gebe es „nur über meine Leiche“. Zudem soll er gesagt haben: „Einmal '33 reicht mir.“ Diese Aussage steht in einem bemerkenswerten Zusammenhang mit Merz' öffentlicher Erklärung vom März dieses Jahres. Damals sagte der Kanzler: „Ich werde, auch wenn ich mittlerweile sogar aus einzelnen Verlagshäusern dazu aufgefordert werde, eine andere Mehrheit im Deutschen Bundestag nicht suchen. Ich werde es nicht tun.“ Die Formulierung deutet darauf hin, dass Merz tatsächlich Druck von außen ausgesetzt war, die Brandmauer zur AfD zu durchbrechen.
Die Diskussion um die Brandmauer ist in der deutschen Politik seit Jahren präsent. Alle demokratischen Parteien haben sich bislang darauf verständigt, keine Koalitionen oder Zusammenarbeit mit der rechtspopulistischen AfD einzugehen. Die Partei selbst steht derzeit in Umfragen bei hohen Werten und bereitet sich auf ihren Bundesparteitag in Erfurt vor, wo 1200 Delegierte über die weitere Ausrichtung streiten werden. Gleichzeitig wird spekuliert, ob die AfD überhaupt ernsthaft an einer Regierungsbeteiligung interessiert ist oder ob sie sich in einer Oppositionsrolle wohler fühlt.
Für Merz könnte der Streit mit Döpfner politisch gefährlich werden. In den Springer-Medien wird seit einiger Zeit ein innerparteilicher Konkurrent aufgebaut, der eine Zusammenarbeit mit der AfD bislang nicht grundsätzlich ausgeschlossen hat: Jens Spahn. Der frühere Gesundheitsminister und stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion gilt als möglicher Herausforderer für Merz. Sollte der Springer-Verlag seine Berichterstattung verstärkt auf Spahn ausrichten, könnte dies die innerparteiliche Dynamik in der Union beeinflussen.
Die Frage nach der Glaubwürdigkeit der RND-Recherche bleibt offen. Der Verlag hat die Vorwürfe kategorisch zurückgewiesen, und es gibt keine unabhängigen Belege für das angebliche Gespräch. Dennoch zeigt der Fall, wie sensibel das Verhältnis zwischen Medien und Politik in Deutschland ist. Die Rolle von Verlegern, die sowohl wirtschaftliche als auch politische Interessen verfolgen, wird zunehmend kritisch hinterfragt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob weitere Details ans Licht kommen oder ob die Angelegenheit im Sande verläuft.



