Die Vereinigten Staaten begehen in diesem Jahr den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung, doch die Stimmung im Land ist von tiefer Zerrissenheit geprägt. Der Historiker Michael Hochgeschwender von der Ludwig-Maximilians-Universität München sieht die Nation in einer fundamentalen Krise, deren Wurzeln weit vor der Präsidentschaft von Donald Trump liegen. Im Gespräch mit t-online betont er, dass Trump weniger die Ursache als vielmehr das Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung sei, die seit Jahrzehnten schwelt.
Das Kernproblem der amerikanischen Gesellschaft besteht nach Hochgeschwenders Analyse darin, dass grundlegende gesellschaftliche Fragen zunehmend zum Gegenstand der Parteipolitik zwischen Republikanern und Demokraten geworden seien. An die Stelle von Gewissensentscheidungen sei ein striktes Lagerdenken getreten, das eine Verständigung innerhalb der Gesellschaft enorm erschwere. Trump selbst habe kein Interesse an Kompromissen, da er von Streit und Spannungen lebe. «Ohne dieses Drama wäre er ein Nichts», so der Historiker. Trump brauche diesen Resonanzraum, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, denn inhaltlich habe er wenig zu bieten.
Die eigentliche Krise der USA setzte nach Einschätzung des Historikers bereits in den 1960er-Jahren ein. Damals kam es zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen, darunter die sexuelle Revolution und der Wandel des Familienbildes. Die Bürgerrechtsbewegung errang zwar große Erfolge, doch der Rassismus sei keineswegs verschwunden. Allerdings hätten sich die Verhältnisse verändert: Im Süden der USA gebe es heute mehr schwarze Sheriffs, Bürgermeister und Abgeordnete als je zuvor. Weit mehr aufgeheizt werde die Stimmung jedoch durch Themen wie die gleichgeschlechtliche Ehe, Transsexualität und Genderfragen. Diese Konflikte hätten sich in den letzten Jahren sogar noch zugespitzt.
Ein weiteres Beispiel für die Polarisierung ist der Umweltschutz, der ursprünglich ein konservatives Anliegen war. Bis in die 1970er-Jahre hätten sich viele Konservative für Umweltschutzfragen engagiert, so Hochgeschwender. Dann sei das Thema parteipolitisch aufgeladen worden, und heute schleife Trump den Natur- und Klimaschutz. Ähnlich verhalte es sich mit der Abtreibungsfrage: Noch vor nicht allzu langer Zeit seien zahlreiche Liberale strikte Gegner der Abtreibung gewesen. Die unversöhnliche Haltung entlang der Parteigrenzen sei ein zentrales innenpolitisches Problem der USA.
Auf die Frage, ob Trump jemals Aussicht auf ein «Goldenes Zeitalter» für die USA gehabt habe, antwortet der Historiker, dass Trump dafür zunächst ein politisches Programm bräuchte, das diesen Namen verdiene. Innenpolitisch sehe er gar nichts, am ehesten noch in der Wirtschaftspolitik. Doch Trumps Schutzzollpolitik sei ein Programm von vorgestern, das die USA bereits im 19. Jahrhundert betrieben hätten. Das könne eine Weile gut gehen, aber nicht für immer. Hochgeschwender kritisiert auch die etablierten Parteien: Sowohl Republikaner als auch Demokraten hätten lange Zeit einseitig so getan, als sei die neoliberale Globalisierung die einzige Möglichkeit der Wirtschaftspolitik. Die Parteiführungen hätten sich nicht genügend Gedanken darüber gemacht, was der Zusammenbruch der Weltwirtschaftsordnung 2008 bedeutete. Die Rettung von Banken mit irrsinnigen Summen, während zuvor angeblich kein Geld für Straßen und Schulen da war, habe viele Menschen wütend gemacht und später einen Politiker wählen lassen, der dieser Wut Ausdruck verleiht.
Außenpolitisch sei Trump schlicht verheerend, so der Historiker. Alles, was er tue, diene letztlich den Interessen Moskaus oder Pekings. Trump zerschlage das von den USA aufgebaute Bündnissystem, drohe Verbündeten mit Angriffen und stürze die USA entgegen seinen Versprechungen in einen sinnlosen Krieg gegen den Iran. Seine Umfragewerte seien desaströs, selbst bei weißen Evangelikalen büße er an Zustimmung ein. Eine Strategie in Trumps Handeln könne Hochgeschwender nicht erkennen: Trump folge allein seinem Bauchgefühl, was im Fall Venezuelas noch geklappt habe, im Iran aber zu einem Desaster geworden sei. Nichts deute darauf hin, dass sich die Krise der USA unter diesen Umständen bald lösen werde.



