China bereitet sich nach Ansicht von Experten nicht allein auf eine militärische Invasion Taiwans vor, sondern verfolgt eine umfassendere Strategie, die auf die Erosion der amerikanischen Abschreckung abzielt. In der Taklamakan-Wüste im Westen Chinas wurden auf Satellitenbildern Nachbildungen moderner US-Zerstörer entdeckt, an denen die Volksbefreiungsarmee Angriffe auf amerikanische Schiffe übt. An anderen Orten entstanden Attrappen von Straßenzügen und Regierungsgebäuden Taipehs. Die chinesische Führung unter Xi Jinping lässt ihre Streitkräfte sichtbar für einen möglichen Konflikt trainieren, doch die eigentliche Waffe könnte eine andere sein: die systematische Untergrabung des Vertrauens in die Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten.

Abschreckung lebt nicht allein von Flugzeugträgern, Raketen oder Soldaten, sondern vor allem vom Vertrauen darauf, dass Sicherheitszusagen im Ernstfall auch gelten. Genau dieses Vertrauen versucht Peking zu erschüttern – in Taiwan ebenso wie bei den amerikanischen Verbündeten in Asien. Xi Jinping muss die Menschen auf der Insel nicht davon überzeugen, Teil der Volksrepublik werden zu wollen. Es reicht, wenn immer mehr von ihnen glauben, dass es langfristig keine realistische Alternative gibt. Die chinesische Führung setzt darauf, dass die gegenwärtige Schwäche des Westens und die Erosion der amerikanischen Hegemonie die Glaubwürdigkeit der Sicherheitsgarantien untergraben.

Aus chinesischer Sicht könnte der Zeitpunkt dafür günstig sein. Donald Trump sitzt noch mehr als zwei Jahre im Weißen Haus, während die Vereinigten Staaten gleichzeitig mit dem Krieg in der Ukraine, den Krisen im Nahen Osten und innenpolitischen Konflikten beschäftigt sind. Aus Pekings Sicht wirkt der Westen abgelenkter und weniger geschlossen als noch vor wenigen Jahren. Hinzu kommt Trumps Kurs gegenüber Taiwan: Nach seinem Besuch in Peking stellte der US-Präsident öffentlich infrage, ob Amerika wegen Taiwan einen Krieg auf der anderen Seite des Pazifiks führen sollte. Zugleich legte seine Regierung ein milliardenschweres Waffenpaket zunächst auf Eis. Ob dahinter Verhandlungstaktik oder ein strategischer Kurswechsel steckt, ist zweitrangig. Für Xi zählt, dass jede Unsicherheit über Amerikas Haltung die abschreckende Wirkung der Vereinigten Staaten schwächt.

Deshalb erhöht China den Druck längst nicht mehr nur militärisch. Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe und die Küstenwache schaffen regelmäßig neue Fakten rund um Taiwan. Gleichzeitig nehmen Cyberangriffe, Desinformation, wirtschaftlicher Druck und diplomatische Isolation zu. Jede einzelne Maßnahme wirkt begrenzt, doch zusammen verfolgen sie ein gemeinsames Ziel: Taiwan soll sich an den permanenten Ausnahmezustand gewöhnen, und der Preis des Widerstands soll mit jedem Jahr steigen. Peking versucht nicht nur, Taiwan unter Druck zu setzen, sondern auch die Regeln des Konflikts neu zu definieren. Was gestern noch als Tabubruch galt, soll morgen Normalität sein.

Militärisch wäre ein Angriff auf die Insel selbst für die inzwischen massiv modernisierte Volksbefreiungsarmee ein Wagnis. Die Taiwanstraße, die schwierige Topografie der Insel und der enorme logistische Aufwand machen eine amphibische Landung zu einer der komplexesten Militäroperationen überhaupt. Russlands Angriff auf die Ukraine dürfte Xi diese Risiken noch einmal eindrücklich vor Augen führen. Moskau rechnete mit einem schnellen Sieg, steckt aber bis heute in einem verlustreichen Abnutzungskrieg. Für Xi wäre ein ähnliches Szenario verheerend. Seine Herrschaft stützt sich auf Stabilität, wirtschaftliches Wachstum und das Versprechen nationaler Stärke. Ein jahrelanger Krieg würde genau dieses Fundament gefährden. Hinzu kämen Sanktionen: Anders als Russland ist China tief in die Weltwirtschaft eingebunden. Ein Krieg um Taiwan würde Lieferketten erschüttern, den Zugang zu westlicher Spitzentechnologie gefährden und die chinesische Wirtschaft empfindlich treffen.

Es gibt allerdings auch Argumente, die für einen Krieg sprechen. Xi hat die Volksbefreiungsarmee angewiesen, bis 2027 die Voraussetzungen für eine Einnahme Taiwans zu schaffen. Chinas militärische Fähigkeiten wachsen rasant, und Experten warnen vor Fehlkalkulationen oder einer ungewollten Eskalation. Gerade deshalb bleibt die glaubwürdige Abschreckung für Taiwan und seine Verbündeten unverzichtbar. Aus heutiger Sicht spricht dennoch mehr dafür, dass Xi zunächst auf den weniger riskanten Weg setzt: nicht auf eine Invasion, sondern auf schleichende Verschiebungen der politischen Realität. Chinas gefährlichste Waffen sind demnach die gegenwärtige Schwäche des Westens und die Erosion der amerikanischen Hegemonie, die zuletzt beim Konflikt der USA mit dem Iran deutlich wurde. Xi Jinping kämpft nicht nur um Taiwan – er kämpft gegen die Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien für die Insel. Genau dort entscheidet sich, ob der Konflikt eskaliert oder friedlich bleibt.

Autor

Kulturkorrespondentin

Marlene Brandt berichtet für Junkr Party über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.