Der Tod der britischen Brexit-Politikerin Ann Widdecombe hat eine überraschende Wende genommen. Die 78-Jährige war am Donnerstag tot in ihrem Haus im Dartmoor in der Grafschaft Devon aufgefunden worden. Ihre Leiche wies nach Angaben der Polizei schwere Verletzungen auf. Die Behörden ermitteln wegen Mordes.
Ein 26 Jahre alter Mann, der zunächst unter dringendem Mordverdacht festgenommen worden war, ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Die Polizei teilte mit, der Brite sei nicht mehr Teil der Ermittlungen. Nähere Angaben zu den Gründen für die Freilassung machten die Behörden nicht. Die Suche nach dem Täter läuft damit von neuem an.
Die Polizei hatte bereits am Freitagabend erklärt, es gebe keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund oder eine politisch motivierte Tat. Police Assistant Chief Constable Matt Longman von der Devon and Cornwall Police sagte bei einer Pressekonferenz, man gehe nicht von einem solchen Hintergrund aus. Ob sich diese Einschätzung nach der Freilassung des Verdächtigen geändert hat, blieb zunächst unklar.
Ann Widdecombe war eine der bekanntesten und umstrittensten Politikerinnen Großbritanniens. Sie saß von 1987 bis 2010 für die konservativen Tories im britischen Unterhaus. In dieser Zeit amtierte sie unter anderem als Gefängnisministerin. 1995 sorgte sie für Aufsehen, als sie die Praxis verteidigte, schwangere Häftlinge anzuketten, um Fluchtversuche zu verhindern.
Nach dem EU-Referendum 2016 schloss sich Widdecombe der Brexit-Partei von Nigel Farage an. Als überzeugte Befürworterin des EU-Austritts zog sie 2019 für die Partei ins Europäische Parlament ein. Später wechselte sie zu deren Nachfolgepartei Reform UK, für die sie als Sprecherin tätig war. Farage würdigte sie in einer Videobotschaft auf X als eine außergewöhnliche Frau, die sich hingestellt und für das gekämpft habe, woran sie glaubte.
Widdecombe vertrat ultrakonservative Ansichten. Sie forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe, lehnte die gleichgeschlechtliche Ehe ab und sprach sich gegen die Selbstbestimmung von Transpersonen über ihr Geschlecht aus. Die zum Katholizismus übergetretene Politikerin war bekannt für ihre unverblümten Äußerungen und ihr Bekenntnis zu ihrem christlichen Glauben.
Über die Politik hinaus war Widdecombe auch im britischen Unterhaltungsfernsehen präsent. 2010 nahm sie an der britischen Tanzshow „Strictly Come Dancing“ teil, der britischen Version von „Let’s Dance“. Ihre von ihr selbst als ungelenk beschriebenen Schritte brachten sie bis ins Viertelfinale. Später trat sie auch bei „Celebrity Big Brother“ auf.
Der Fall hält Großbritannien in Atem. Die Polizei bittet die Öffentlichkeit um Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens beitragen könnten. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, eine heiße Spur gibt es nach der Freilassung des zunächst Verdächtigen jedoch nicht.



