In Albanien gehen die Massenproteste gegen ein umstrittenes Tourismusprojekt an der Adriaküste in die sechste Woche. Am Mittwoch erreichten die Demonstrationen ihren 40. Tag, und auch am Dienstagabend versammelten sich wieder viele tausend Menschen vor dem Regierungssitz in der Hauptstadt Tirana. Die sogenannte „Flamingo-Revolution“ richtet sich gegen den Bau von Luxusresorts in einem Naturschutzgebiet im Mündungsdelta des Flusses Vjosa. Hinter dem Vorhaben steht der amerikanische Investor Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump.

Das Projekt sieht den Bau von Luxusresorts, Hotels, Villen, Jachthäfen und weiterer touristischer Infrastruktur in der Lagune bei Zvernec und auf der vorgelagerten Insel Sazan vor. Es ist nicht als Massentourismusprojekt konzipiert, aber als Premium-Destination auf tausende zahlende Besucher ausgelegt. Die gesamte Investitionssumme wird auf vier bis fünf Milliarden Euro geschätzt – für Albanien, eines der ärmsten Länder Europas, eine enorme Geldmenge. Die Gegner des Projekts befürchten die Zerstörung der Brut- und Niststätten gefährdeter Tierarten, darunter Flamingos, andere Vögel und Meeresschildkröten. Die Dünen der Narta-Lagune bilden ein in Europa einzigartiges Ökosystem.

Viele Demonstranten tragen Kartonbilder von rosaroten Flamingos, was der Protestwelle den Namen „Flamingo-Revolution“ eingebracht hat. Der sozialistische Ministerpräsident Edi Rama unterstützt das Kushner-Projekt nachdrücklich. Vor zwei Jahren ließ er das Naturschutzrecht ändern, sodass touristische Entwicklungen in Schutzgebieten unter bestimmten Bedingungen möglich sind. Zudem stufte seine Regierung das Vorhaben als „strategische Investition“ ein, was die Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren erheblich vereinfacht. Auslöser der Protestwelle war, dass der Investor das Baugelände bei Zvernec still und heimlich einzäunte und dass Sicherheitsleute der Firma am 30. Mai einen Demonstranten am Bauzaun verprügelten.

Rama reagierte verschnupft bis beleidigt auf die Proteste. Er erklärte, die Proteste seien fehlgeleitet, weil „es noch gar kein Projekt gibt“. Den Umweltschützern, die den Demonstranten Argumente liefern, wirft er vor, mit „falschen Fakten“ zu operieren. Er selbst legt jedoch keine Fakten auf den Tisch und spricht nur in blumigen Worten davon, dass das milliardenschwere Vorhaben „ein Geschenk nicht nur für Albanien, sondern für ganz Europa“ sein werde. In dem Klima der Intransparenz sind tatsächlich viele Daten im Zusammenhang mit dem Projekt nicht bekannt.

Die Proteste richten sich auch gegen Regierungschef Rama persönlich. Die Forderung nach seinem unverzüglichen Rücktritt ist fester Bestandteil jeder Demonstration. Rama gilt als korruptionsanfällig; gegen mehrere seiner engsten Mitstreiter, wie etwa Erion Veliaj, den Bürgermeister von Tirana, laufen Verfahren wegen des Verdachts auf Korruption. Die Demonstranten wollen jedoch nicht nur Rama im Gefängnis sehen, sondern auch seinen Erzrivalen, den nationalistischen Oppositionsführer Sali Berisha. Der heute 81-jährige Polit-Veteran war von 1992 bis 1997 Präsident und von 2005 bis 2013 Ministerpräsident Albaniens. Die Amerikaner setzten ihn wegen Korruption auf ihre Sanktionsliste.

Albanien war bis zur demokratischen Wende das brutalste und am meisten rigide kommunistische Land in Europa. Rama, ursprünglich selbst Künstler, ist der Sohn eines kommunistischen Bildhauers, der Statuen des Diktators Enver Hoxha schuf. Berisha war in jungen Jahren Hoxhas Kardiologe. Zwar etablierten sich nach der Wende einigermaßen demokratische Verhältnisse, doch wird die Politik ausschließlich von der ex-kommunistischen Sozialistischen Partei (PS) – Rama übernahm 2005 ihren Vorsitz – und von Berishas Demokratischer Partei (PD) beherrscht. Beide Formationen sollen außerdem mit der organisierten Kriminalität verbunden sein. Die Demonstranten artikulieren bei jeder Gelegenheit ihren Wunsch, dieses dysfunktionale System zu überwinden. Für sie ist die profitorientierte Missachtung des Naturschutzes nur eine der vielen Anomalien des politischen und gesellschaftlichen Lebens in Albanien.

Die Chancen, dass die „Flamingo-Revolution“ ein besseres Albanien schafft, sind derzeit ungewiss. Trotz der vielen Protestteilnehmer scheint es nicht danach auszusehen, dass die neue Bewegung die starren und einzementierten Strukturen der albanischen Politik aufbrechen kann. Dazu fehlt es ihr vorerst an Strategien und an Führungspersönlichkeiten sowie am Potenzial, auf eine teils noch archaische Gesellschaft außerhalb von Großstädten wie Tirana einzuwirken. Zugleich scheint der Elan der Demonstranten ungebrochen, sodass mit einem baldigen Abflauen der Proteste nicht zu rechnen ist. Die „Flamingo-Revolution“ erweist sich als beharrlich und stellt das politische System Albaniens vor eine ernsthafte Bewährungsprobe.

Autor

Gesellschaftsreporterin

Leonie Vogt berichtet für Junkr Party über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.