In der neuen ARD-Tragikomödie «Heute fängt mein Leben an» spielt Uğur Kaya einen Taxifahrer, der zum Publikumsliebling wird und dabei die Gesellschaft kommentiert. Der 38-jährige Schauspieler mit türkischen Wurzeln verkörpert Barış, einen sympathischen Taxifahrer mit Helfersyndrom, der mit Herz und Humor durch den Alltag fährt. Der Film läuft am Freitag, 7. August, um 20.15 Uhr im Ersten und nimmt neben Rassismus auch das Thema Kleptomanie in den Blick.
Für Kaya ist die Rolle keineswegs klischeehaft. «Für mich ist seine Einstellung besonders – wie pur er das Leben sieht und lebt», sagt er. Barış tanze ein Stück weit aus der Reihe, weil er ganz im Jetzt lebe und sich von Dogmen und Glaubenssätzen gelöst habe. Genau diese Bodenständigkeit habe ihn an der Figur begeistert. Sie lebe weniger ehrgeizig und dafür freier, mit einer Leichtigkeit und Zufriedenheit, die im Alltag vielen fehle.
Der im Berliner Bezirk Neukölln aufgewachsene Schauspieler weiß nur zu gut, wie es ist, unterschätzt oder gar ausgeschlossen zu werden. Über die Jahre habe er es geschafft, sich von fremdenfeindlichem Gegenwind nicht einschüchtern zu lassen; Selbstironie habe ihm dabei lange als Schutzmechanismus gedient. Zu Beginn seiner Karriere wurde er oft auf Rollen festgelegt, die seinem Migrationshintergrund entsprachen. Heute kann er sich glücklich schätzen: «Meine Rollen sind mittlerweile sehr vielfältig.» Gespielt hat er unter anderem einen Gerichtsmediziner, Tierarzt, Sozialarbeiter und Polizisten – Figuren, bei denen seine Herkunft keine Rolle spielte.
Die deutsche Fernsehlandschaft habe sich in Sachen Diversität spürbar verändert, wenngleich die Entwicklung schneller voranschreiten könnte. Gerade bei Rollen und Positionen mit größerer Verantwortung am Set sieht Kaya noch Potenzial, auf das Können und Talent von Menschen zu setzen, ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres Geschlechts. Seit Beginn seiner Karriere wünscht er sich bei Castings, dass ganz unterschiedliche Typen für dieselbe Rolle vorsprechen dürfen und nicht schon im Vorfeld festgelegt wird, welche Optik eine Figur haben muss. Um «Color-blind Castings» solle kein Aufheben gemacht werden, betont er. «Es ist mehr als nur ein Trend und sollte überall zur gelebten Realität werden.»
Im Alltag spürt Kaya die wachsende Polarisierung allerdings deutlich, besonders in den sozialen Medien. Er deinstalliere die Instagram-App inzwischen immer wieder, weil er manche Kommentare und den Umgangston kaum ertrage. Selbst harmlose Beiträge würden plötzlich völlig anders gedeutet. Auch der zunehmende Gegenwind gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt ihm zu denken. Es gebe durchaus Reformbedarf und einen Vertrauensverlust; dass aber inzwischen vieles pauschal abgelehnt und Fakten ignoriert würden, findet er erschreckend.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind nach seiner Einschätzung heute offener für diverse Besetzungen als noch vor zehn Jahren. Er verfolge Zuschauerzahlen und Mediatheken-Abrufe auch der eigenen Projekte. «Und die Zahlen sehen gut aus», sagt Kaya. Auch die Fanpost falle überwiegend positiv aus. Den Gegenwind, der sich im Netz gegen diverse Projekte oder Schauspieler richtet, habe er selbst bislang kaum erlebt. Bei Kolleginnen und Kollegen, die online präsenter sind, gebe es jedoch viel Negatives. Er hoffe, dass Vielfalt eines Tages zur Normalität werde.
«Heute fängt mein Leben an» beschäftigt sich auch mit der Frage, ob Menschen mit einer dunklen Vergangenheit wirklich neu anfangen können – etwa mit einer Suchterkrankung wie Kleptomanie oder nach einer Haftstrafe. Kaya räumt ein, sich vor den Dreharbeiten nicht intensiv mit Kleptomanie auseinandergesetzt zu haben; das Thema sei gesellschaftlich kaum präsent. Zugleich macht er deutlich: Damit Resozialisierung gelingen kann, braucht es vor allem Akzeptanz.
Der Film greift damit ein gesellschaftliches Spannungsfeld auf, das viele Großstädte kennen: In zahlreichen westlichen Metropolen gilt das Taxifahren als typischer Einstiegsberuf für Einwanderer und ist mit vielen Klischees verbunden. Der 1976 erschienene Film «Taxi Driver» mit Robert De Niro in der Hauptrolle änderte daran nichts und hatte vielmehr seinen Anteil daran. Die ARD-Tragikomödie erzählt nun eine andere Geschichte: Sie zeigt, welches Potenzial in zwischenmenschlichen Beziehungen stecken kann, wenn Menschen unvoreingenommen aufeinander zugehen.



