Das Autokino in Gravenbruch bei Frankfurt hat sich längst vom Image des «Knutschkinos» gelöst. Auf dem Gelände im Neu-Isenburger Stadtteil, auf dem 1960 das erste Autokino der Bundesrepublik eröffnete, geht es heute um Heiratsanträge, Oldtimer, Monsterumzüge und das Gefühl, Kino auf eine ganz eigene Weise zu erleben. Seit 20 Jahren steht Heiko Desch an der Spitze des Hauses – und er hat in dieser Zeit so manches erlebt.
Der 54-Jährige ist im osthessischen Bad Orb aufgewachsen und seit früher Jugend vom Film fasziniert. Mit 13 oder 14 arbeitete er als Platzanweiser, mit 16 lernte er die 35-Millimeter-Projektion. Auch neben einem normalen Bürojob blieb er dem Kino verbunden, bevor er 2002 nach Gravenbruch kam. Seine Arbeit beschreibt er als vielseitig: Er wählt die Filme aus, verhandelt mit Verleihern, pflegt die Homepage, organisiert Lieferanten und Dienstpläne und übernimmt auch Personalaufgaben. Abends steht er manchmal selbst an der Kasse oder in der Snackbar. «Es ist tatsächlich so, dass ich hier Kino machen kann von Anfang bis Ende», sagt er.
Die Geschichte des Autokinos begann am 31. März 1960. Zur Eröffnung lief der oscargekrönte Film «Der König und ich» mit Yul Brynner und Deborah Kerr. In den ersten fünf Monaten kamen bereits 250.000 Besucher. Das Gelände bietet bis heute Platz für rund 650 Fahrzeuge. In den Anfängen trugen auch die vielen US-Soldaten im Rhein-Main-Gebiet zur Beliebtheit bei. Autokinos entwickelten sich zum Ausflugsziel für Pärchen, die in den konservativeren Zeiten kaum andere Möglichkeiten hatten. Manche steuerten gezielt die letzte Reihe an, die als «Love Lane» bekannt wurde. Der Spitzname «Knutschkino» war schnell geboren.
Desch kann viele Geschichten aus dem Autokino erzählen. «Wir hatten schon viele Heiratsanträge», berichtet er. Besonders erinnert er sich an einen Antrag, bei dem ein selbstgedrehter Film über die Leinwand lief. Irgendwann habe die zukünftige Braut bemerkt, dass es in dem Film um sie selbst ging. Nicht immer spielt das Wetter mit: Immer wieder mussten Vorstellungen wegen Nebels abgebrochen werden.
Was die Besucher an diesem besonderen Kino schätzen, zeigt ein Blick auf den Parkplatz. An einem lauen Abend läuft in der Reihe «Summer Classics» der Musical-Film «Mamma Mia». Die Autos vor der Leinwand tragen Kennzeichen aus einem weiten Umkreis. Desch nennt das Einzugsgebiet mit rund 100 Kilometern. Ein Besucher aus der Nähe von Gießen sagt, das Autokino sei ein Abenteuer, das er mehrmals im Jahr erlebe. Eine junge Frau aus Oberursel schätzt, dass hier Filme laufen, die nicht überall gezeigt werden. Eine 54-jährige Besucherin aus der Nähe von Hattersheim feiert an diesem Abend ihre Premiere und will die Atmosphäre im «American Style» erleben.
Einen besonderen Schub erhielt das Autokino in der Corona-Pandemie. Als weite Teile der Freizeit- und Gastronomiebranche schließen mussten, blieben Autokinos eine der wenigen Möglichkeiten, Filme auf großer Leinwand zu sehen. «Wir konnten größtenteils arbeiten, was viele andere nicht konnten, und das war natürlich ein Riesenvorteil», sagt Desch. Auch in der kalten Jahreszeit läuft das Geschäft nach seinen Angaben ordentlich. Wegen der frühen Dunkelheit können dann mehrere Filme an einem Abend gezeigt werden.
Die Zahl der Autokinos in Deutschland ist überschaubar. Nach Angaben der Filmförderungsanstalt gab es Ende 2025 bundesweit 15 Autokinos. Die Idee stammt aus den USA: Das weltweit erste Autokino eröffnete im Sommer 1933 im US-Bundesstaat New Jersey und wurde mit dem Slogan «Jedem seine eigene Loge» beworben. In Deutschland dauerte es noch 27 Jahre, bis die Idee umgesetzt wurde – in Gravenbruch.
Auch wenn Streamingdienste das Freizeitverhalten verändert haben, sieht Desch das Autokino nicht als Auslaufmodell. Man müsse den Menschen aber etwas Besonderes bieten, sagt er. Deshalb gibt es Halloween-Abende, bei denen Mitarbeitende als Monster über das Gelände laufen, sowie Tuning-Treffen und Oldtimer-Aktionen. Am 22. August steht der Autofilm «The Driver» auf dem Programm, verbunden mit einem Oldtimer-Treffen. Im Herbst folgt eine Arthouse-Reihe. «Wenn man innovativ bleibt und sich den neuen Gegebenheiten anpasst, dann ist mir nicht Angst vor der Zukunft», sagt Desch.



