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Mehr Frauenjobs, weniger Männerjobs? Was hinter dem US-Trend steckt
In den USA halten Frauen 50,1 Prozent der Payroll-Jobs. Der virale „Stay-at-home boyfriend“ erzählt aber nur einen Teil der Geschichte: Entscheidend sind Branchen, Ausbildung und ein langsamer Wandel zuhause.
Der Satz klingt nach TikTok-Trend, dahinter steckt aber echte Arbeitsmarktstatistik: Frauen halten in den USA inzwischen knapp mehr Payroll-Jobs als Männer. Im Juli 2026 lag ihr Anteil bei 50,1 Prozent. Das ist kein riesiger Vorsprung, aber ein krasser Unterschied zu den frühen 1990er Jahren, als Männer fast sieben Millionen Stellen mehr hatten.
Indeed Hiring Lab hat sich angesehen, wie diese Lücke verschwunden ist. Zwischen Februar 2025 und Februar 2026 gingen die von Männern gehaltenen Jobs um rund 142.000 zurück. Die von Frauen gehaltenen Jobs stiegen dagegen um ungefähr 298.000. Das spricht dafür, dass der Trend nicht nur aus einem einzelnen schlechten Monat kommt.
Der wichtigste Grund: Die Jobs wachsen nicht überall gleich. Gesundheit, Bildung, soziale Dienste und andere Services bleiben vergleichsweise stark. Dort arbeiten traditionell viele Frauen. Im Juli kamen in privater Bildung und Gesundheit 25.000 Stellen hinzu, bei Gesundheit und sozialer Unterstützung 22.600.
Das heißt aber nicht, dass „Männerjobs“ jetzt komplett verschwinden. Das Baugewerbe legte im Juli ebenfalls um etwa 22.000 Stellen zu, die Industrie um ungefähr 5.000. Wer daraus einen Geschlechterkampf macht, verpasst den eigentlichen Punkt: Der Arbeitsmarkt verschiebt sich zwischen Branchen, und damit ändern sich die Chancen für verschiedene Ausbildungswege.
Genau hier wird es für junge Leute interessant. Wenn Pflege, Therapie, Bildung oder soziale Arbeit mehr Personal brauchen, sind das keine „Frauenjobs“, sondern Wachstumsfelder. Männer, die solche Berufe aus Imagegründen ausschließen, begrenzen ihren eigenen Arbeitsmarkt. Umgekehrt gilt weiterhin: Frauen sollten technische, handwerkliche und industrielle Berufe nicht als männliches Terrain behandeln.
Fortune hat den Wandel mit dem Begriff „stay-at-home boyfriend“ zugespitzt. Der klingt neu und provokant: Sie hat den Job, er bleibt zuhause. So etwas ist heute sichtbarer und gesellschaftlich weniger tabu. Aber die Statistik sagt nicht, dass Männer massenhaft zu Hausmännern werden. Payroll-Daten erfassen nicht, wer zuhause kocht, Kinder betreut oder bewusst eine Karrierepause macht.
Pew Research Center zeigt, was in Familien tatsächlich häufiger geworden ist: zwei Vollzeitjobs. 2025 hatten 52 Prozent der verschiedengeschlechtlichen Paare mit Kindern zwei vollzeitbeschäftigte Eltern. 1975 waren es nur 31 Prozent. Das alte Modell mit voll arbeitendem Vater und nicht beschäftigter Mutter sank von 42 auf 23 Prozent.
Und jetzt kommt der Haken: Zuhause ist die Rollenverteilung viel weniger revolutionär. Wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, sagen 52 Prozent, dass die Mutter mehr alltägliche Erziehungsarbeit macht. Nur 10 Prozent sagen, der Vater macht mehr. Bei Hausarbeit ist es ähnlich. Mehr Erwerbsarbeit für Frauen bedeutet also nicht automatisch weniger unbezahlte Arbeit.
Deutschland ist außerdem noch nicht an demselben Punkt wie die USA. 2025 lag die Erwerbstätigenquote der 15- bis 64-jährigen Männer bei 80,2 Prozent, die der Frauen bei 74,1 Prozent. EU-weit arbeiten Frauen zudem deutlich häufiger in Teilzeit. Der amerikanische 50,1-Prozent-Wert ist deshalb kein Beweis, dass Europa morgen genauso aussieht.
Trotzdem ist der Trend wichtig, weil er eine alte Regel kaputtmacht: Geschlecht sagt immer weniger darüber aus, wessen Job in einer Beziehung stabiler ist. Wer heute Ausbildung oder Studium plant, sollte deshalb weniger fragen, ob ein Beruf „männlich“ oder „weiblich“ wirkt, und mehr: Wo wird in zehn Jahren Personal gebraucht? Welche Fähigkeiten kann ich aufbauen? Wie flexibel bin ich, wenn sich eine Branche verändert?
Der „stay-at-home boyfriend“ ist am Ende eher ein Symbol als eine Statistik. Das echte Thema ist größer: Jobs verschieben sich, Beziehungen müssen sich anpassen, und alte Vorstellungen davon, wer verdienen und wer kümmern soll, passen immer schlechter zur Realität. Wer jung ist, hat dabei einen Vorteil – er oder sie kann die neue Arbeitswelt von Anfang an ohne diese alten Grenzen planen.


